Gastgeberfreundliche Gäste

Na, das war doch eine feine Reaktion auf die beiden Enttäuschungen der abgelaufenen Woche. Ein spielerisches Feuerwerk gegen zunehmend hilflose Bremer in der ersten Halbzeit, eine gute Einstellung in den Zweikämpfen und ein sicherer Sieg. Das lässt wieder halbwegs beruhigt dem Gastspiel beim Brause-Club in Leipzig am Mittwoch entgegensehen. Allerdings ist das 4:1 nicht geeignet, um sich über die Stärke des VfL Sand in die Augen streuen zu lassen.
Dafür ist das Ergebnis zu sehr Verdienst der Bremer Taktikfehler. In meinem Manchester-Bericht hatte ich ursprünglich schon einen Satz geschrieben, den ich aus Respekt vor dem Skripnik-Team dann doch wieder gelöscht habe. Sinngemäß ging es darum, dass alle Teams jetzt ja die Schwachstellen bei Borussia offengelegt bekommen haben. Dass Bremen aber, aus der Erfahrung der vergangenen Jahre, ein dankbarer nächster Gegner sein würde, weil deren Trainer eigentlich nie auf Borussias Schwächen abstellten, sondern immer ihr eigenes Offensiv-Spiel durchbringen wollten - im Borussia Park mit durchaus überschaubarem Erfolg. Seit Favres Amtsübernahme 2011 gab es in den Heimspielen ein 5:0 für Borussia, ein 5:1, (mit heute) dreimal ein 4:1 und einmal ein 1:1. Das wirre Pokalspiel im vergangenen Dezember war mit 3:4 die absolute Ausnahme.

Es hat mich deshalb umso mehr gewundert, dass Viktor Skripnik genau diesen Fehler auch heute wieder machte. Wenn man im fremden Stadion gegen eine technisch versierte Masnnschaft wie Gladbach so hoch und risikoreich verteidigt, dann sollte man es auch können. Die Rumpftruppe, die der SV Werder angesichts vieler Ausfälle auf den Rasen in Mönchengladbach schickte, war dazu nicht in der Lage. Sie betrieb in der ersten Halbzeit eine Selbstzerstörung erster Güte.
Das ist der erste Wassertropfen, der in den Siegeswein tropfen muss, wenn man das Spiel ehrlich analysiert. Denn auch wenn die Tore (und die vielen anderen Chancen in der ersten Hälfte) natürlich durch robustes Zweikampfverhalten, schnelle Ballgewinne und gute, schnelle Kombinationen blitzsauber herausgespielt wurden: In der Bundesliga wird dir ein solch freundliches Entgegenkommen nur von wenigen Mannschaften zuteil. Vielleicht auch nur von einer.

Weitere Abstriche muss man aber angesichts des Auftritts in der zweiten Halbzeit machen. Dass früh gewechselt wird, um anderen Spielern Spielpraxis zu geben, ist völlig in Ordnung. Dass, zumal bei dem Spielstand, dadurch ein wenig der Zugriff verloren geht, und natürlich auch der Gegner kompakter arbeitet, um eine höhere Klatsche abzuwenden, ist auch klar. Dennoch hätte es in den zweiten 45 Minuten durchaus etwas mehr Ertrag sein dürfen.
Weder Jonas Hofmann noch Mo Dahoud konnte nach der Einwechslung seine Ambitionen auf einen Startelfplatz untermauern. Die Mannschaft wurde von Minute zu Minute lascher in der Abwehrarbeit, sodass sich der schöne Ehrentreffer von Gnabry schon Minuten im Voraus langsam ankündigte. Dass Borussia trotzdem nichts mehr anbrennen ließ, lag an der danach wieder konzentrierteren Leistung, vor allem aber an dem Platzverweis gegen Johannson, der Bremens vage Hoffnungen endgültig begrub.

Unter dem Strich haben wir also eine gute, aber nicht herausragende Leistung der Borussia gesehen, die vom Gegner freundlicherweise entscheidend unterstützt wurde. Das wird den Fohlen in Leipzig ganz sicher nicht passieren. Und darauf muss nicht nur die Mannschaft eingestellt sein, sondern auch die Fans. Ralph Hasenhüttl hat Borussia in der vergangenen Saison mit Ingolstadt zweimal im wahrsten Sinne des Wortes weh getan. Und Rote Brause Leipzig hat, wie sich schon gezeigt hat, dem VfL eine überraschend starke und gefestigte Mannschaft dagegenzusetzen. Bevor man sich also der Tradition-gegen-Retortenclub-Diskussion widmet, die ohnehin zu nichts führt, sollte man sehen, wie gefährlich der Gegner der Schubert-Elf auf dem Rasen werden kann. Und da müssen sich die Defensive und auch das zentrale Mittelfeld auf einen anderen Gegenwind einstellen, als das laue Lüftchen, das heute aus Bremen heranwehte. Eine Orientierung an Freiburg und Leverkusen wäre da in der Vorbereitung sicher zielführender als der Blick auf den klaren Sieg am heutigen Tag. Wobei man auch den selbstredend genießen darf.

Bundesliga 2016/17, 3. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen 4:1
(Tore für Borussia: 1:0 Hazard, 2:0 Hazard, 3:0 Raffael (FEM), 4:0 Raffael)

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