Kalte Dusche in der Turnhalle

Dass das nichts werden würde, konnte man irgendwie schon ahnen: Nachdem die Süddeutsche Zeitung Borussia vor dem Spiel schon als Bayern-Jäger ausgerufen hatte, weil theoretisch Platz zwei möglich gewesen wäre und zuvor die Dortmunder gepatzt hatten. Weil die Favoritenrolle klar verteilt war - und weil der VfL wieder mal auswärts ranmusste, noch dazu in der Schalker Turnhalle, wo es für Gladbach schon öfter (auch bitter unverdiente) kalte Duschen gegeben hat.

Wenn man das ganze Spiel anschaut, kann man sich über eine Niederlage nicht unbedingt beschweren. Das Zustandekommen und die Höhe sind allerdings ein schlechter Witz. Borussia verweigerte eine Halbzeit lang das Offensivspiel, weil Schalke früh und aggressiv störte und Gladbach wieder einmal keine Lösung fand, nicht einmal den primitiven langen Schlag nach vorne auf Hahn oder Hazard. War es die ungewohnte Aufstellung - mit Dahoud (zu) weit vorn und in der Luft hängend sowie mit den "Spielaufbaugöttern" Jantschke, Elvedi und Vestergaard in der Dreierkette - oder der bissige Gegner - die erste Halbzeit war jedenfalls zum Vergessen, fußballerisch unterirdisch. Dem standen die Gastgeber aber auch nicht nach, sodass das Spiel bis dahin auch keinen Sieger verdient gehabt hätte. Es waren verlorene 45 Minuten.

Dann aber wechselt das Trainerteam goldrichtig, stellt mit Stindl für Vestergaard (plus Christensen in die Kette und Dahoud auf der Sechs) die Borussia-Balance im Spiel nach vorne wieder her. Die Schubert-Elf wirbelt die Gelsenkirchener Defensive auch fünf Minuten lang nach allen Regeln der Kunst schwindelig, schießt aber das Tor nicht. Und auf der anderen Seite entscheidet nicht Schalke das Spiel, sondern der Schiedsrichter. Ein Witzelfmeter zum 1:0 und das vor dem 2:0 im Mittelfeld nicht geahndete klare Foul an Traoré heben Schalke mit sehr fraglichen Mitteln in die Erfolgsspur. Das ärgert mich, denn zu dem Zeitpunkt kam die Gazprom-Truppe überhaupt nicht mehr mit den sichtlich aufdrehenden Borussen mit.
Was danach passierte, ist das, was den Fußball so unberechenbar macht. Nach vorne spielten Stindl und Co. ja keine schlechte Halbzeit, sie hatten genug gute Angriffe und ein paar Chancen, das Spiel noch mal offener zu gestalten. Hazard wurde zu allem Überfluss ein Elfmeter verweigert, den man nicht unbedingt geben muss, der im Vergleich mit der Szene auf der anderen Seite aber schon zwingend ist. Entscheidender als das war allerdings in der zweiten Halbzeit die uns nicht so ganz unbekannte Anfälligkeit für Konter und das Auseinanderbrechen nach einem Rückstand. Drei Tore in sechs Minuten, egal wie sie zustandekommen, das kann man sich nirgends erlauben, wenn man vorne mitspielen möchte. Dass individuelle Fehler, Ballverluste von Dahoud und Christensen, den K.o. bringen, muss man hinnehmen, doch die Schalker waren in diesen Kontersituationen und auch beim 0:2 einfach durchsetzungsfähiger und schneller.
 
Es ist auffällig, dass wieder einmal ein eher dominanter Auftritt im fremden Stadion eiskalt bestraft wird. Der Gegner kann sich ins Fäustchen lachen, denn leichter hat Schalke sicher lange nicht mehr vier Tore erzielen können. Borussia, im Bemühen, den Ball zu kontrollieren und dem Gegner seinen Powerfußball aufzudrücken, läuft dagegen in die Konter der Heimmannschaft und ins offene Messer. Das ist paradox, aber im Borussia Park ist es ja nicht selten ebenfalls ein Erfolgsrezept. Letzten Ende sind es aber genau diese Situationen, die auch gegen Barcelona oder Manchester den Unterschied zum Negativen ausgemacht haben. Aber in jeder Situation die Reife und Abgezocktheit für die richtige Lösung zu haben, ist vielleicht auch zu viel verlangt, gerade wenn man die jungen Spieler anschaut. Lernen müssen sie daraus - gerade im Verhalten Eins-gegen-Eins. Da waren Goretzka, Embolo und Choupo-Mouting heute in einigen Szenen einfach cleverer.

Kleines Detail am Rande: Die vier Gegentore kamen von drei Spielern, die nachweislich auch Gladbach gerne verpflichten wollte. Alle wechselten dann aber - wahrscheinlich wegen der guten Luft auf Schalke - zum Gegner. Auch so etwas sollte man im Blick behalten, wenn es darum geht, die Position von Borussia im deutschen Fußball richtig einzuordnen. Solange bei anderen Vereinen in entscheidenden Momenten Geld keine Rolle spielt, sind der VfL und seine Fans gut beraten, bei den Erwartungen nicht zu überdrehen. Aber derartige Stimmen sind zum Glück bisher noch die Ausnahme, auch wenn die Erwartungen steigen.

Bundesliga 2016/17, 6. Spieltag (2.10.16): FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 4:0

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