Balsam für die Seele

Es wäre vermessen, wenn ich heute die Leistung der Borussen über das gesamte Spiel hinweg bewerten würde. Denn ich habe - das erste Mal seit einer sehr langen Zeit - nicht das ganze Spiel gesehen, sondern nur die letzten 25 Minuten. 
Nach allem, was ich bis jetzt an zusätzlichen Infos dazu bekommen habe, habe ich aber nichts Wesentliches verpasst und sogar vielleicht ein paar Nerven geschont, die ich zum Spielende hin gut gebrauchen konnte. 
Die Mannschaft tat sich heute - erneut gegen einen sehr massiert in der eigenen Hälfte stehenden Gegner, genauso schwer wie in den Wochen zuvor. Immerhin ließ man nicht so viele hochkarätige Chancen des Gegners zu - es waren aber immer noch genug, um das Spiel auch verlieren zu können. 
Dass das nicht geschah, war das Befreiendste heute. Ein weiterer hart erkämpfter Dreier, der auch eine gehörige Portion Glück vorne benötigte (nicht nur beim späten Elfmeterpfiff) - genauso wie Pech beziehungsweise Unvermögen des Gegners vor Yann Sommers Tor. Natürlich hätte Harnik drei Minuten vor Schluss statt der Latte das leere Tor treffen müssen, was wohl der Todesstoß für die Hecking-Elf in dieser Partie gewesen wäre. Und Glück war es auch, dass der Ball nach Juli Korbs Flanke Minuten zuvor so passgenau zwischen Fabian Johnsons Körper und der Armbeuge durchflutschte, dass man eben nicht auf Handelfmeter gegen den VfL entscheiden musste.

Der am Ende glückliche, aber aufgrund des deutlich stärkeren Bemühens der Gastgeber verdiente Sieg war vor einer erneuten Saisonstörung namens Länderspielpause immens wichtig: für die vom BVB durchgeschüttelte Mannschaft und für die Fans, die auch etwas Balsam auf die geschundene Seele verdient haben. Ein spät erzwungener Sieg wie der gegen die bis dahin ungeschlagenen 96er stärkt den Glauben an die eigene Stärken. Das kann nie schaden. Und mit 11 Punkten ist der VfL wieder im Soll, die Krise, auf die manches Boulevardblatt schon leise zuschreiben wollte, ist vertagt.
Dennoch gibt es nichts zu beschönigen. Es fehlt Stindl und Co. bis auf wenige Phasen an Mitteln, den Defensivkünstlern unter den Gegnern ihre Ordnung mal gehörig durcheinanderzubringen. Auch in der Schlussphase heute ging meist ein Pass im Mittelfeld nach vorne und dann wieder zwei zurück oder quer. Das änderte sich in der Zeit, die ich live gesehen habe, erst, als Zakaria und Grifo im Spiel waren, die etwas unkonventioneller zu Werke gingen. Ja klar, auch der junge Cuisance zeigt das schon ganz eindrucksvoll. Hut ab auch für seinen feinen Freistoß vor dem 1:0. Aber Spielern wie Raffael und zum Teil auch den emsigen Christoph Kramer und Thorgan Hazard geht diese Raffinesse derzeit etwas ab. Die Scheu vor Risiko, die da mitunter durchscheint, macht Spiele aber schnell auch zäh und das Publikum ungeduldig.
Es fehlt dem VfL außerdem an probaten Mitteln, sich druckvollem Angriffssspiel spielstarker Gegner zu erwehren. Das fällt zugegebenermaßen gegen eher passive Gegner wie Hannover oder Stuttgart nicht ganz so auf. Aber außer Dortmund können auch noch eine Reihe anderer Teams richtig fies dominant spielen. Und die kommen alle erst noch.

Randbemerkungen: Froh bin ich, dass mit Grifo und Jantschke endlich wieder zwei gestandene Alternativen mehr zur Verfügung stehen. Schade fand ich, dass Tobias Sippel nach seinem Alptraumabend in Dortmund heute nicht noch eine Chance auf eine Rehabilitation bekommen hat. Denn auch wenn Yann Sommer wieder fit war: Es hätte dem verlässlichen Ersatzmann sicher gut getan, wenn er nicht mit sechs Gegentoren im Rucksack, für die er noch nicht einmal etwas konnte, auf seinen nächsten Einsatz hätte warten müssen. Sehr schön war, dass auch Julian Korb heute nochmal die Möglichkeit hatte, sich von den Fans zu verabschieden. Ich habe ihn immer für eine Bereicherung unseres Kaders gehalten, er war loyal und hat immer ehrliche Arbeit abgeliefert. Deshalb freut es mich für ihn auch, dass er in Hannover auf Anhieb Stammspieler geworden ist. Alles Gute, Juli!


Bundesliga, Saison 2017/18, 7. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Hannover 96 2:1 (Tore für Borussia: 1:0 Ginter, 2:1 Hazard FEM)

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