2018-09-02

Überwiegend halbvoll

Ein Punkt in Augsburg, vier zum Saisonauftakt - gut oder nicht gut? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Bei mir überwiegt - nachdem ich während des Spiels wieder viel zu hadern hatte - am Ende das Positive. Und ich will auch erklären, warum.

Dass das Spiel bei den Kampfrobotern aus der Puppenkiste ein ganz anderes werden würde als der Auftakt gegen die spielerisch anspruchvolleren Leverkusener, das lag auf der Hand. Und genauso kam es. Augsburg presste extrem hoch bis zum gegnerischen Strafraum und zwang Borussia so zu vielen langen Bällen, die wiederum gegen Spieler wie Hazard, Raffael oder Johnson relativ leicht zu verteidigen sind. Dazu kam ein sehr geschicktes Spiel nach vorne, entweder mit weiten Schlägen, mit denen Spieler wie Gregoritsch oder Hahn besser zurechtkommen als etwa unsere filigranen Offensivkünstler. Oder eben mit zwei drei präzisen Pässen durch das Mittelfeld, die Borussias Abwehr (egal ob in Dreier- oder in Viererformation) immer wieder vor Probleme stellte. Es ist das Erfolgsrezept, das schon in der vergangenen Saison gegen den VfL zu oft aufgegangen war. Und auch gestern wurden mit diesem schnörkellosen Spiel so sowohl das Tor als auch die anderen Großchancen der Gastgeber eingeleitet.

Leider gelang es dem FCA auch diesmal über weite Strecken des Spiels, das Gladbacher Spiel zu lähmen oder in die ungefährliche Zone der Gladbacher Hälfte zu verschieben. Dass sie trotz des Wissens um die Taktik des Gegners vor allem in der ersten Halbzeit - von zwei, drei Torgelegenheiten abgesehen - kein Gegenmittel fand, muss man der Mannschaft ankreiden, auch wenn wir erst am Anfang der Saison sind. Wenn man in der eigenen Hälfte von vier oder fünf Gegners angelaufen wird, müssen dahinter logischerweise Räume entstehen, die man nutzen kann. 
Das gelang aber nur selten, weil dann doch wieder statt dem schnellen, risikoreicheren Pass oft der quer oder nach hinten gesucht wurde und häufig am Ende einer solchen Ballbesitzpassage nur der lange Schlag des Torwarts als Alternative blieb. So ist es auf der einen Seite zwar klasse, dass Yann Sommer mit fast 100 Ballaktionen als Torwart und erster Spielmacher rekordverdächtig aufspielte. Andererseits ist es genau das, was der Gegner vorhatte: lange Bälle zu provozieren, die in der Genauigkeit eine große Streuung haben und mit der Körperlichkeit der Augsburger Verteidiger recht sicher zu verteidigen sind.
Dennoch brachte der VfL in der ersten Halbzeit drei gute Angriffe durch, bei denen Hazard leider wieder einmal bei Abschluss oder Zuspiel zu lange zögerte. Ein Spieler seiner Klasse muss da einfach effektiver sein. (Einschub: Ich habe mir gerade das Video mit den 100 Bundesligatoren von Marco Reus angeschaut. Das sieht man den Unterschied.)

So, das war ziemlich viel Kritik. Wieso sehe ich das 1:1 am Ende trotzdem positiv? Weil die Mannschaft funktioniert, weil sie fokussiert bleibt, weil sie in der Lage ist, taktisch schnell umzustellen und auch nach einem Rückstand gegen eine solche Abwehrmannschaft geduldig bleibt. Das hat sich gestern nur zum Teil ausgezahlt, weil nach der Halbzeit die kurze Drangphase nicht ausgereicht hat, den FCA stärker zu erschüttern. Die mutige Umstellung auf Dreierkette und die dadurch im Mittelfeld vorhandene Überzahl setzte dem Gegner zwar sichtlich mehr zu. Allerdings passte es in der Rückwärtsbewegung dann nicht immer, sodass Hecking das Risiko eines zweiten Gegentreffers wohl zu hoch wurde und er Johnson in die Viererkette zurückbeorderte. 
Dennoch war es taktisch (und vom Coaching her) ein Fortschritt zur vergangenen Saison, auch wenn man das Spiel gestern nicht besser reden muss als es war. Nicht jeder konnte gestern an seine Form der Vorwoche anknüpfen (Hofmann, Jantschke, Raffael, Hazard, Strobl...) und es hakt weiterhin an einigen Stellen, etwa wenn es schnell nach vorne gehen müsste. Es sind aber die guten Ansätze und die verbesserte Spielanlage, die ich in die Länderspielpause mitnehme. Da ist Alassane Plea, an dem wir viel Freude haben werden, weil er gezeigt hat, dass er weiß, wo er stehen muss, wenn es nach Tor riecht. Ein bärenstarker Torwart klärt so manchen Ball, den nicht jeder hält. Die Einstellung stimmt, die Zweikampfhärte ist da, die Mannschaft lässt sich auch durch robusten Körpereinsatz des Gegners nicht so leicht aus dem Konzept bringen, auch nicht, wenn der nicht ausreichend geahndet wird.

Damit bin ich zum Abschluss wieder mal bei meinem Lieblingsthema, das ich aber etwas gelassener ansprechen kann, da es am Samstag keine spielentscheidende Wirkung entfaltete wie diverse Male in früheren Spielen. Schiedsrichter Willenborg war mit dem Spiel leider überfordert, und ich frage mich, warum wir gerade gegen solche körperbetonte Gegner immer wieder Schiedsrichter bekommen, die überharten Einsatz nicht angemessen ahnden. Nach 90 Minuten hatte Augsburg eine gelbe Karte, Gladbach zwei. Dabei unterließ der Schiri auf Augsburger Seite nicht weniger als vier Pflichtverwarnungen, zwei weitere hätte er bei Gladbach zeigen müssen. Stattdessen gefiel er sich darin, an unnötigen Stellen Spielzeit mit Ansprachen an Spieler zu verplempern, die er anschließend nicht angemessen nachspielen ließ. Von der Nachspielzeit am Ende verbrauchte er allein gut eineinhalb Minuten, weil er bei Ecken und Freistößen für Verzögerungen sorgte. 
Dazu kommt eine Reihe von nicht geahndeten klaren Fouls (auf beiden Seiten) und der Regelverstoß kurz vor der Halbzeit, als Hahn den Freistoß von Hofmann aus einem halben Meter Entfernung blockte und ein gefährlicher Angriff daraus resultierte. Sicher, in diesem Fall hätte eher sein Gespann reagieren müssen, weil es hinter Willenborgs Rücken geschah. Und bei einem Gegentor hätte der Videoassistent noch die Möglichkeit gehabt, einzugreifen. Aber ehrlich gesagt hätte ich mich darauf nicht verlassen wollen. Insgesamt also wieder eine überschaubare Leistung der Unparteiischen, ausgerechnet in einem Spiel, in dem es auf solche Feinheiten besonders ankommt.

Sei es, wie es will. Für mich steht unter dem Strich nach zwei Ligaspielen ein guter Saisonstart, denn es hätten mit wenig Fantasie bei Betrachtung der "Papierform" und auch bei Betrachtung der beiden Spiele genausogut 0 werden können. Insofern wäre es zu früh, von einer gefestigten Borussia zu sprechen, die ihren Weg in der Saison machen wird. Aber wir haben gesehen, dass da mental, taktisch, von der Einstellung her und auch von den individuellen Stärken schon eine Mannschaft auf dem Platz ist, die sich vor (fast) keinem Team verstecken muss. Bedenkt man, dass dazu noch in Stindl, Traoré, Elvedi, Lang sowie Kramer und Drmic gestandene Spieler dazu kommen und die Talente Bennetts, Benes, Cuisance und Zakaria erst ein paar oder gar keine Spielminuten auf dem Tacho haben, sieht die Perspektive erstmal gut aus. Hoffen wir, dass alle gut und gesund durch die unnötige Länderspielpause kommen. Dann sehen wir weiter.

Bundesliga 2018/19, 2. Spieltag: FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 1:1. (Tor für Borussia: 1:1 Plea)

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