2019-08-07

Vorfreude und ein kleines bisschen Angst

Ein paar Stunden noch, dann gilt's - die neue Saison steht unmittelbar vor der Tür. Und wer jetzt vorhersagen kann, wie Borussia in die neue Spielzeit startet, hat meine volle Hochachtung.

Ich kann es beim besten Willen nicht, allen Testspieleindrücken zum Trotz. Ich erwarte einen harten Kampf im Pokal gegen einen gefährlichen und giftigen Gegner aus der zweiten Liga. Und ich erwarte einen schwierigen Bundesliga-Start, der mit dem nötigen Quäntchen Glück ähnlich erfolgreich sein könnte wie der in der vergangenen Saison. Der aber auch voll in die Hose gehen könnte.

Um die Offensive mache ich mir dabei wenig Sorgen, auch wenn neben dem schon im vollen Saft stehenden Alassane Plea die beiden wuchtigen Sturmkandidaten Breel Embolo und Marcus Thuram noch nicht fit sein dürften für 90 Minuten. Ich könnte mir daher vorstellen, dass Patrick Herrmann gute Chancen haben könnte, gegen Sandhausen in der Startelf zu stehen. Davon abgesehen ist der VfL offensiv mit Hofmann, Neuhaus, Zakaria, Cuisance und Raffael so durchsetzungsfähig besetzt, dass man gegen jede gegnerische Defensive Lösungen finden kann.

Doch es gibt einige Punkte, die die Mannschaft in den Testspielen noch nicht oder nur phasenweise zufriedenstellend lösen konnte. Natürlich lässt sich da nicht einfach ein Schalter umlegen und alles funktioniert plötzlich. Aber es sind die Baustellen, die über einen guten Start in die Saison oder einen Fehlstart entscheiden.

1) Die Rückwärtsbewegung bei Ballverlusten oder dann, wenn der Gegner das VfL-Pressing mit langen Bällen überwinden kann. Das kollektive Verteidigen in solchen Situationen war schon unter Hecking oft fehleranfällig, viele Gegentore entsprangen solchen Situationen. Unter Rose stört Borussia oft noch früher, steht noch höher und hat dadurch längere Wege nach hinten, wenn es brennt. Die Probleme mit solchen Gegenangriffen waren in allen Testspielen unübersehbar. Das Gute ist, dass das Team daran kontinuierlich arbeitet und die Automatismen zunehmend greifen werden. Dennoch bleibt hier ein nicht geringes Risiko. Sandhausen wird unserem Team da richtig auf die Zähne fühlen.

2) Wie gefestigt ist der VfL mental bei Rückschlägen? Marco Rose hat deutlich gemacht, dass er dem Team das Selbstvertrauen und den Glauben an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten einimpfen will. Das ist entscheidend, wenn ein Pressing schiefgeht und etwa in einen Rückstand mündet. Ist dann der Wille und das Vertrauen da, dennoch genauso weiter zu spielen oder zieht sich die Mannschaft dann auf das vermeintlich sichere (aus der Vorsaison noch eingeübte) Ballbesitzspiel zurück? So war es etwa phasenweise gegen Angers und Bilbao, als lange gar nichts passierte, weil der Ball mehr oder weniger zirkulierte und der Gegner durch geschicktes Verschieben in der Defensive den Borussenstürmern jede Stärke nahm.
Ich bin gespannt, wie Elvedi und Co damit in den ersten Pflichtspielen umgehen. Denn mentale Stärke ist in der Mannschaft ohne Zweifel vorhanden. Doch es kommt noch mehr als vorher darauf an, auch die Schritte mehr zu laufen, die richtig wehtun - weil man vollends überzeugt ist, dass man genau darüber letzten Endes auch zum Erfolg kommen wird.

3) Der Zugriff in der Abwehr. Ginter und Elvedi, aber auch Tobi Strobl oder Stefan Lainer wirkten in einigen Spielen nicht so fokussiert, verloren relativ viele entscheidende Zweikämpfe. Auf diese Sicherung muss sich Borussia im Rose-Offensiv-Modus aber mehr denn je verlassen können. Denn auch wenn Yann Sommer schon wieder in blendender Verfassung ist: Alles kann selbst er nicht halten.

4) Die Foul-Quote. Aggressiv zu Werke gehen und Bälle erobern, ohne zu viele Fouls zu ziehen - das ist ein Schlüssel zum Erfolg unter Marco Rose. Borussia verursachte in den Vorbereitungsspielen für meinen Geschmack viel zu viele vermeidbare Fouls. Die sind zwar meist nicht böse und auch kaum taktischer Natur. Aber wir alle wissen, wie wenig berechenbar mancher Schiedsrichter in der Liga ist. Oft reicht die reine Häufung von Fouls - gerade bei den zentralen Mittelfeldspielern -, um sie zu verwarnen und damit zu einem Teil auch aus dem körperbetonten Spiel zu nehmen. Das muss nicht sein.

5) Konzentration auf schnörkelloses Spiel. Borussia hat in der Vorbereitung eine Reihe toller Tore erzielt. Vor allem gelang das dann, wenn ganz einfach gespielt wurde. Paradebeispiel waren die beiden Tore gegen Chelsea, an denen jeweils Plea entscheidenden Anteil hatte. Viel ging zwischendrin aber auch ins Leere, weil die Laufwege nicht stimmten oder Dinge versucht wurden, die zwar schön aussahen, aber zu ambitioniert waren. Schnelle Pässe, klatschen lassen, einfache Laufwege und präzise Pässe in den Lauf sowie klare Abschlüsse, die nicht in gefährliche Gegenangriffe verwandelt werden können: Das klingt zwar selbstverständlich, ist aber in den Testspielen kein Selbstläufer gewesen. 

Ich bin wirklich gespannt, ob es in den ersten Spielen gelingt, all diese "Schwächen" sofort in den Griff zu bekommen. Die anderen Mannschaften schlafen ja schließlich auch nicht. Deshalb behalte ich erstmal meine leichte Skepsis bei, um mich hoffentlich positiv überraschen lassen zu können. Ich bin fest davon überzeugt, dass Marco Rose und sein Team der Mannschaft ihre Spielidee vermitteln können. Es könnte aber eben ein paar Spieltage dauern, bis alles ineinander greift. Und in der Bundesliga gibt es keine Gegner, die Schwächen bis dahin nicht rigoros ausnutzen wollten. 

Wie gelingt der Saisonstart also? Ich denke und hoffe, dass in der ersten Pokalrunde noch nicht Schluss sein wird, dann aber mit einem eher knappen Ergebnis und demr einen oder anderen Portion Sand im Getriebe. Das Auftaktprogramm in der Bundesliga ist mit Schalke, Mainz, Leipzig und K*** auch nicht ohne. Wenn Borussia da mit sechs Punkten (plus x) rauskäme (inklusive natürlich der drei Derby-Pflichtpunkte), wäre es nicht die schlechteste Ausgangsposition. 
Das ist defensiver, als es die Vorschusslorbeeren für das Team Rose und die ohne Zweifel durch die Neuzugänge merklich verstärkte Mannschaft vielleicht von außen erwarten lassen. 
Aber ich glaube, dass den meisten Gladbach-Fans durchaus klar ist, dass es auch unter diesen verbesserten Voraussetzungen nicht in Schallgeschwindigkeit von Null auf Hundert gehen wird. Geduld und Nachsicht sollte für die kommende Saison vielleicht sogar das wichtigste Utensil des VfL-Fans sein. 

Also: Auf eine gute Saison 2019/20! Die Seele brennt - egal wann sie gespielt wird!

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