2019-08-31

Näher dran denn je

Kann man nach einer Niederlage zufrieden sein? Nach einer erneuten Heimpleite gegen das eklig erfolgreiche Projekt aus Leipzig, bei der dann auch noch Timo Werner alle drei Tore geschossen hat?

Natürlich kann man damit nicht zufrieden sein. 
Es nagt wohl an jedem Gladbach-Fan, dass der Sieglos-Fluch gegen die (schon zweite federführend von Ralf Rangnick hochgezogene) Vereinsimitation weiter andauert. Dass es am Ende nicht gereicht hat, obwohl deutlich mehr drin war. Wieder einmal. Es nervt und es ist enttäuschend.

Dennoch bin ich nach dieser Partei recht positiv gestimmt. Denn es war ein mutmachendes Spiel des VfL gegen eine der drei Topmannschaften der Liga. Diese Leistung zu diesem frühen Zeitpunkt in der Saison: Damit kann ich gut leben. Der Freitagabend-Auftritt war im Vergleich zum Mainz-Spiel jedenfalls in allen Belangen um Welten besser - bis auf die Chancenverwertung eben. Leipzig musste defensiv sehr viel investieren, um Gladbach von Gulacsis Tor wegzuhalten. Dennoch kam Borussia zu erstaunlich vielen guten Abschlüssen, selbst wenn der eine oder andere das Tor deutlich verfehlte.

Das Anlaufen und Pressen des Gegners war wesentlich effektiver als zuletzt. Die vielen Balleroberungen und das schnelle druckvolle Spiel nach vorne forderte RB über die gesamte Spielzeit. Nur kurz vor der Halbzeit und in den zehn vielleicht vorentscheidenden Minuten nach der Pause verlor Borussia den Zugriff und ließ Leipzig zu einfach gewähren.

Auch wenn immer noch viele "letzte" Pässe oder Flanken nicht ankamen: Das "blinde Verständnis" zwischen den Spielern wächst - vor allem zwischen Embolo, Thuram und Plea - und die Passgenauigkeit verbessert sich von Mal zu Mal. Die Variabilität und Geschwindigkeit im Spielaufbau - nach vorne wie nach hinten - hatte heute zum ersten Mal über längere Strecken der Spielzeit ein Format, das nicht nur erahnen lässt, was Marco Rose will.

Es war vielleicht unglücklich, dass ausgerechnet Leipzig der Gegner war - genau das Team, das dieses Spiel wohl in der Bundesliga mit am besten beherrscht und über Jahre mit einem relativ gleichbleibenden Kader einüben konnte. Doch für diese Umstände war die Gladbacher Antwort darauf schon richtig gut. Es wäre spannend zu sehen, wie diese Partie ausgegangen wäre, wenn sie vielleicht zwei Monate später stattgefunden hätte. Aber das ist Spekulation. Fakt ist, dass es gestern noch nicht gereicht hat.

Das hat Gründe, die man ziemlich genau eingrenzen kann. Das Spiel, das hat jeder gesehen, ist in erster Linie durch individuelle Fehler in die falsche Richtung gekippt. Denn alle drei Gegentore wären durch ein geschickteres Verhalten vermeidbar gewesen. 
Und diese Fehler sind letztlich auf Konzentrationsschwächen zurückzuführen, was wiederum auch damit zu tun haben kann, wie sehr sich beide Teams gegenseitig auf dem Platz über die gesamte Spielzeit gestresst haben. 
Heute sah Matze Ginter mehrfach schlecht aus. Die seltsame Fehleinschätzung beim missratenen Kopfball, der Werner das 3:1 ermöglichte, könnte auch der Müdigkeit geschuldet sein. Beim 0:1 muss er aber einfach cleverer in den Zweikampf gehen. Werner blockiert zwar geschickt Ginters Bein, als der den Ball spielen will, aber auch nicht so, dass man das als Foul hätte werten können. Das war einfach nicht gut genug in dieser Szene.

Auch beim 0:2 kann Werner nach dem Gladbacher Ballverlust zu leicht in den freien Raum starten. Dass er dann kaum noch einzuholen ist, weiß jeder. Und auch ein großartiger Yann Sommer kann an einem solchen Tag eben nicht alles herausfischen. Aber hier im Verbund besser zu stehen, das ist eine der Aufgaben, die eben nicht mit zwei oder drei Trainingseinheiten perfekt einzustudieren sind. Da kommt es stark auf das Erkennen der Situationen bei allen Spielern an, die sich in der Nähe des Ballführenden befinden.

Das wäre alles aber auch nicht schlimm gewesen, wenn der VfL vorne seine Chancen mit der gleichen Kaltschnäuzigkeit genutzt hätte. Es gab sicher genauso viele und genauso gute Möglichkeiten auf Gladbacher Seite wie auf der der Gäste. Der Unterschied war, dass Borussia sie alle gegen einen defensiv geordneten Gegner herauskombinierte, wohingegen Leipzig in der ersten Halbzeit kaum klare Torchancen hatte - und die guten erst dann, als Zakaria und Co. nach dem Rückstand deutlich risikofreudiger nach vorne spielen musste und die preisgegebenen Räume größer wurden. 
Daran zeigt sich allerdings auch, dass Borussia grundsätzlich in der Defensive schon wieder relativ stabil geworden ist.


Dennoch: Der couragierte und über weite Strecken auch fußballerisch und taktisch ansprechende Auftritt macht Lust auf mehr. Der Borussia Park war angesichts des "fighting spirit", der heute herrschte, auch merklich besser drauf als in der Vorsaison. Das lässt hoffen, auf eine sich gegenseitig anfeuernde Gemeinschaft aus Fans und Spielern, auf eine Atmosphäre, die den Gegner einschüchtern kann und in der auch alte Haudegen wie Oscar Wendt nochmal alte Tugenden ausgraben und die Kurve mit guten Grätschen zum Beben bringen. 

Wenn man sieht, wie sich ein Stefan Lainer über 95 Minuten reinhaut, wie ein Breel Embolo, Alassane Plea oder auch der unverwüstliche Denis Zakaria Bälle schleppen und immer wieder anrennen, dann freut mich das nicht nur beim Zuschauen. Es ist die Basis, um die Fans mitzunehmen und zu begeistern, wie es Marco Rose ja früh als wichtiges Ziel ausgegeben hat. 
Und was vor und nach dem Anschlusstreffer abging, das hatte auch vom Fernseh-Eindruck schon wieder etwas Magisches. Der Borussia Park lebt, die Mannschaft lebt und nur gemeinsam können wir auch etwas erreichen, zum Beispiel ein solches Spiel umbiegen. Diesmal hat das fast geklappt, ein Punkt wäre absolut verdient gewesen. 
Aber wir sollten keine Zeit verschwenden, über verlorene Punkte zu nörgeln. Alle Kraft muss nach vorn gehen, nicht allein, weil als nächstes das Derby ansteht, bei dem die gleichen Tugenden wie heute gefragt sein werden. 

Und wenn ich mir die Jungs anschaue, die in der Startelf stehen genauso wie die, die reinkommen oder noch darauf warten: Wir haben da echt einen sympathischen, talentierten Haufen, der füreinander läuft und unermüdlich zu arbeiten bereit ist. Der sich gemeinsam freut, wenn es klappt. Und der gemeinsam versucht, Fehler von einzelnen gemeinsam wieder zu reparieren. Wir Fans können das von den Rängen noch unterstützen. Auch das ist nicht immer leicht. Aber wir wissen auch, dass sich das für diese Mannschaft und diesen geerdeten Trainer lohnt.


Noch etwas in diesem Zusammenhang: Ich bin ja kein Freund von den ewig gleichen angeblich kreativen Protestaktionen gegen RB - zumindest wenn sie mit stumpfem Pfeifen zu tun haben, weil mich das selbst aggressiv macht. Ich fand es auch heute nicht schön und war froh, als es vorbei war.

Allerdings hatte der Stimmungs- und Lautstärke-Wechsel bei Ballbesitz aus meiner Sicht zumindest eine coole Wirkung. Korrigiert mich, wenn ihr im Stadion wart und es anders wahrgenommen habt, denn natürlich machen einen die ständigen Pfiffe kirre. Aber die Entschlossenheit im Spiel und auf den Rängen schien mir in diesen ersten 19 Minuten noch etwas stärker zu sein als danach (mit Ausnahme der Schlussphase). 
Vielleicht lässt sich ja etwas finden, was den Support bei Ballbesitz auf ähnliche Weise in Lautstärke umwandeln kann. So wie ich es damals beim Spiel in Glasgow wahrgenommen habe. Da hört man bei jedem Ballbesitz, dass die Celtic-Fans die Mannschaft unentwegt mit vielen Dezibel nach vorne peitscht. Das würde dem Borussia Park gut stehen, finde ich. Denn nach den 19 schrillen Minuten wirkte der Standardgesang dann oft schon wieder etwas lahm und ist viel schwieriger aufrechtzuerhalten, vielleicht auch, weil er längst nicht so situationsbezogen ist wie ein Ballbesitzwechsel-Cheering. 


P.S. Den schon geschriebenen Absatz zum Schiedsrichter-Gespann um Sven Jablonski habe ich hier wieder rausgenommen. Ich war zwar mit einigem nicht einverstanden (Gelbe Karten, Gleichbehandlung der Teams, zu frühes Abseitswinken, grober Fehler bei nicht gegebenem Eckball kurz vor Schluss). Allerdings hat das nicht wirklich Einfluss auf das Endergebnis gehabt. Da stand sich Borussia in den entscheidenden Szenen einfach - vorne wie hinten - öfter mal selbst im Weg. Und Borussia ist ja mein eigentliches Thema - ich muss ja nicht immer dazu auch noch eine Schiri-Kritik verfassen. 
In diesem Sinne, genießt die lästige Länderspielpause. Hoffen wir, dass es gegen K*** wieder mit diesem Geist und etwas mehr Präzision weitergeht. Dann klappt's auch mit den Nachbarn, wenn Ihr versteht, was ich meine.



Bundesliga 2019/20, 3. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Rote Brause Leipzig 1:3 (Tor für Borussia: 1:2 Embolo)

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