2019-11-02

Nur nicht abheben

Was für einzigartige Wochen im Leben eines Gladbach-Fans! Tabellenführer nicht für eine Woche, nicht für zwei, drei oder vier - mindestens fünf Wochen werden es werden am Platz an der Sonne. Und so überraschend und zufällig sich dies noch am 7. und 8. Spieltag anfühlte - inzwischen ist längst klar, dass die einzige Borussia auch zu Recht an der Spitze der Liga steht.

Es kommt dafür einiges zusammen. Eine Mannschaft, die in Rekordgeschwindigkeit das umsetzt, was der Trainer vorgibt, auch wenn natürlich vieles auch noch nicht perfekt klappt. Spieler, die charakterlich hervorragend sind und sich als Einheit begreifen. Keiner tanzt aus der Reihe (außer der "Trikotfahnenschwenker" Marcus Thuram, der darf das, weil er das Ritual erfunden hat), alle sind komplett fokussiert auf das gemeinsame Ziel auf dem Platz. 
Das ist beeindruckend. Und wenn es so klappt wie im Moment, setzt das natürlich Kräfte frei, die man eigentlich angesichts des straffen Programms und der verletzungsbedingt viel zu wenigen Pausen für alle Leistungsträger gar nicht besitzen dürfte.
Dazu ein Trainerteam, das einen klaren Plan hat und doch in jeder Situation zum Wohle der Spieler anpassungsfähig ist. Sei es wie gegen Dortmund oder heute gegen Bayer mit unerwarteten taktischen Änderungen, die der Mannschaft guttun und ihr ein wenig Kraft sparen helfen. 
Oder mit der positiven Art, wie sie mit den Spielern umgehen, den Druck kleinhalten und das alles wie eine selbstverständliche Entwicklung aussehen lassen. Insofern sind alle Erwartungen und Hoffnungen, die man mit dem Trainerwechsel hegen konnte für den jetzigen Zeitpunkt schon erfüllt, und alle Zweifel, die man haben konnte, erfolgreich zerstreut. Und selbst wenn es zwei oder drei oder vier Mannschaften gäbe, die am 10. Spieltag vor dem VfL stünden - es wäre doch ein perfekter Saisonstart.

ABER... Wie fragil der Erfolg ist - und wie schmal der Grat zwischen Sieg und Niederlage - das war nicht nur heute zu beobachten. Wer oben steht, hat oft auch das nötige Portiönchen mehr Glück als andere. Das haben wir als Underdogs über viele Jahre zu unseren Ungunsten erfahren müssen, und es ist nicht anders, jetzt, wo Borussia von der Tabellenspitze grüßt.
Die späten Tore zu den Punktgewinnen gegen Istanbul und Rom, so manche verfehlte 100prozentige Torchance der Frankfurter oder Leverkusener haben eben auch ihren Anteil daran, dass es so ist.

Doch es wird zunehmend enger, es wird anstrengender, die Oberhand zu behalten, weil überall gute Gegner stehen, die mitunter deutlich ausgeruhter und weniger verletzungsgeplagt sind. Und genau da liegt die Gefahr. Ich habe die Überschrift "Nur nicht abheben" nicht deshalb gewählt, weil ich befürchte, dass sich im Glanz des Erfolgs und der Lobeshymnen der Schlendrian einschleicht und die Spieler anfangen zu denken, dass sie auch mit etwas weniger Mühe zum Erfolg kommen könnten. 
Nein, in dieser Hinsicht sehe ich einen Riesensprung, den das Team gemeinsam gemacht hat. Jeder wird darauf achten, dass ihm beim Training nicht die Schuhe offenbleiben (sorry, das Bild musste jetzt sein). Sie halten sich alle gegenseitig auf dem Teppich.

Aber man darf nicht erwarten, dass Marco Rose, Denis Zakaria oder irgendjemand anderes im Verein in der Lage wäre, die menschlichen Grenzen dauerhaft in den roten Bereich zu verschieben, ohne dass es "Schäden" oder Rückschläge gibt. Die spezielle Ausgangslage mit ständig neuen Verletzten und daraus folgend überlasteten oder noch nicht wieder topfitten Leistungsträgern wird irgendwann ihren Tribut fordern.
Ich fürchte jede Woche den kräftemäßigen Einbruch, doch bis jetzt konnte die Rose-Elf dies mit enormer Anstrengung Woche für Woche hinausschieben. 
Jetzt sind es noch zwei Spiele bis zur nächsten Länderspielpause, die ich erstmals in dieser Saison als nützlich empfinde, selbst wenn natürlich einige Nationalspieler auch da nicht aus der Vollbelastung herauskommen werden. Es hilft aber dabei, die Akkus wenigstens "teilzuladen", sich wieder aus Verletzungen heranzukämpfen, damit es am 23. November mit voller Kraft weitergehen kann in den Endspurt der ersten Saisonhälfte. 
Zweimal 90 Minuten also noch bis dahin, zwei Spiele, in denen es um viel geht (besonders gegen Rom). Und so unglaublich es angesichts des Spielverlaufs klingt: Der VfL hat schon gegen Leverkusen heute mit dem Versuch angefangen, sich zu schonen. Und damit bin ich dann auch endlich beim heutigen Spiel angelangt.

Das war ein in vielerlei Hinsicht besonderes Spiel. Und ich glaube, dass das Thema Kräfte schonen heute ein Rolle in den taktischen Überlegungen gespielt hat. Einmal mit dem kleinen Wagnis, Zakaria, Benes und Stindl zunächst auf der Bank zu lassen und später trotz des engen Spielstands Thuram und Elvedi früher vom Feld zu holen. 
Dass es gegen Bayer kein Spiel zum Ausruhen werden würde, konnte man sich natürlich an fünf Fingern abzählen. Dazu ist deren Offensive zu laufstark und unerbittlich im Pressing. Also konnte man darauf vor allem mit dem Versuch reagieren, die Lasten in der Defensive etwas anders zu verteilen. 

Die Dreierkette mit Ginter, Elvedi und Jantschke und den beiden hohen Außenspielern Lainer und Wendt an ihren Seiten war dafür ein gutes Mittel, sie fingen gerade in der ersten Hälfte gemeinsam sehr viel ab und kurbelten das Spiel nach vorne gewohnt gut an. Weniger laufen war allerdings nicht drin. Christoph Kramer lief 12,2 Kilometer, Neuhaus und Patrick Herrmann sogar 12,7 (!) Kilometer. Lainer, Wendt, Ginter und Jantschke lagen am Ende alle um 11 Kilometer Laufleistung, was gerade für die Innnenverteidiger ein ziemlich guter Wert ist. Die drei in der Mitte teilten also gewissermaßen die Belastung besser auf als in einer Viererkette. Nach Elvedis Auswechslung änderte sich diese Konstellation, Zakaria ordnete sich vor der Abwehr ein, um zusammen mit Kramer die Räume zu verdichten, während die Gastgeber den VfL immer häufiger in der eigenen Hälfte einschnürten und es kaum noch Entlastung gab.
Es war also ein irre intensives Spiel, das der Mannschaft erneut alles abverlangte, aber das doch zugleich ein paar Minütchen weniger für hoch belastete Spieler wie Zakaria, Elvedi  oder Thuram erlaubte. Dass es dennoch gelang, den clever herausgespielten Vorsprung durch die brillant herausgespielten Treffer von Oscar Wendt und Marcus Thuram bis zum Schluss zu verteidigen, hatte aber auch mit etwas Glück zu tun.

Nichtsdestotrotz: Wer sich erst einen Vorsprung herauskombiniert und ihn dann mit Zähnen und Klauen verteidigt, hat auch diesen Sieg verdient. Besonders auffällig ist, wie manche Spieler dabei über sich hinauswachsen. Thuram ist der einzige, der vom durchsetzungsstarken Trio mit Embolo und Plea übrig ist. Doch er ist der Leuchtturm im Sturm, macht Bälle fest, sorgt für Überraschungsmomente, gibt tolle Vorlagen und steht selbst oft goldrichtig. So auch heute wieder. Mit einem Tor und einem Assist war er unzweifelhaft der Mann des Tages.

Doch es gibt so viele andere, die viel weniger auffallen und für das Funktionieren der Angriffsmaschine mindestens genauso wichtig sind. Jonas Hofmann ist lange noch nicht wieder in der Galaform der vergangenden Hinrunde, auch Florian Neuhaus fehlt oft das Quäntchen Glück und der Pass zum richtigen Zeitpunkt. Doch beide machen einen wahnsinnig wichtigen, aufreibenden Job, indem sie viele Löcher im Mittelfeld zulaufen, Bälle gewinnen und den Gegner unter Druck setzen. Das gilt natürlich genauso für Christoph Kramer, der viel weniger spektakulär auftritt als Denis Zakaria, aber im Effekt ähnlich stark ist.
Und dann ist da noch Patrick Herrmann, der in den vergangenen Wochen so stark war wie vielleicht seit 2015 nicht mehr. Schnell, kombinationsstark und durchsetzungsfähig auch in der Stürmerposition, es macht richtig Spaß, den gereiften "Flaco" in der neuen Borussia zu beobachten.

Aber so schön die Momentaufnahme auch ist: "Nur nicht abheben" ist angesagt, das heißt auch, Leistungen nicht zu euphorisch zu bewerten. Das heute waren sehr hart erkämpfte drei Punkte gegen einen Gegner, der keineswegs schlechter war als Borussia. Umso besser fühlt es sich an, dass die Mannschaft auch solche Spiele mal "nach Hause verteidigen" kann.

In einer Woche wissen wir dann auch genauer, wohin die Reise in dieser Saison geht. Nach dem Pokal-Aus ist die Partie gegen die Roma ein entscheidender Prüfstein. Würde nach dem Spiel das frühzeitige Aus in der Euro League drohen, wäre das schon eine Enttäuschung und auch eine schlechte Nachricht für alle Spieler, die es derzeit nicht in die erste Elf schaffen. Nach allem, was ich in dieser Saison aber vom VfL gesehen habe, bin ich zuversichtlich, dass die Jungs nervenstark genug sind, um im europäischen Wettbewerb das Heft des Handelns in der Hand behalten zu können. Hoffentlich reicht auch die Kraft dafür noch.

        
Bundesliga 2019/20, 10. Spieltag: Bayer Leverkusen - Borussia  Mönchengladbach 1:2 (Tore für Borussia: 0:1 Wendt, 1:2 Thuram)

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