2020-08-01

120 - Mehr als eine Zahl

120 Jahre wirst Du heute alt, Borussia. Das ist ziemlich stark, denn damit zählst du zwar nicht zu den allerersten, aber doch zu den ältesten Vereinen, die sich diesem seltsamen neuen Sport verschrieben hatten, der da in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von England herüber schwappte.

Grund genug, das zu feiern - auch in Coronazeiten. Toll finde ich, wie viele Gladbachfans an diesem Tag real und in den sozialen Medien Farbe bekennen und Flagge zeigen, um ihre Zugehörigkeit zum geilsten Club der Welt zu demonstrieren.
In normalen Zeiten hätte es sicher an diesem 1. August eine große Sause beim Stadion gegeben, aber das ist dieses Jahr nunmal nicht möglich. Dass einige bei so etwas dann doch - wie immer - über die Stränge schlagen müssen, wie in der Nacht zum Jubiläumstag in Eicken, wird man nie ganz verhindern können.

Dumm ist es dennoch, unabhängig von der realen Ansteckungsgefahr durch die allzu sorglos Feiernden. Denn Bilder wie diese liefern ja denen Munition, die in organisierten Fans und Ultras pauschal immer nur Chaoten und Wichtigtuer sehen und sie am liebsten aus den Stadien entfernt sehen möchten. Hilfreich sind solche Szenen bei aller Liebe und Begeisterung für Borussia nicht wirklich. Aber zurück zum freudigen Anlass.  

120 Jahre! Ich bin ehrlich: Mir persönlich bedeuten solche Jahrestage nicht besonders viel. Ich komme nicht aus Mönchengladbach, ich bin kein Lokalpatriot, der die Geschichte des Vereins aus Eicken von vorne bis hinten herunterbeten kann und will. Mich verbindet wenig mit den Helden des Vereins vor Weisweiler, Netzer, Vogts oder Heynckes. Das war nicht meine Zeit und wird es nie werden - auch wenn ich sehr wertschätze, welche Aufbauarbeit auch diese Borussen für den kleinen Verein vom linken Niederrhein geleistet haben.  

Dennoch: Für mich ist Borussia seit Kindesbeinen immer "nur" der Fußballclub meiner Wahl gewesen, in meiner Erinnerung und meinem Herzen ist daher vor allem das, was ich seither mit Borussia erlebt habe (plus natürlich die Legendengeschichten rund um die erste Fohlenelf in den 60er- und 70er-Jahren) - das aber mit Haut und Haar. 
In den vergangenen Tagen das heraufziehende Jubiläumsdatum im Kopf, habe ich aber tatsächlich öfter darüber nachgedacht, was der VfL für mich ist und war.
Und ich habe mit etwas Erstaunen (und Schrecken) festgestellt, dass ich diesen Traditionsverein doch auch schon mehr als ein Drittel seiner Zeit begleite (bin ich wirklich schon so alt?). Angefangen hat das wie bei vielen im Kindesalter, als ich das Fußballspielen für mich entdeckte und mir wohl ohne große Hintergedanken meinen favorisierten Verein aussuchte.
Das war irgendwann 1976 oder '77 - zu spät für die erste Glanzzeit der Fohlen, die letzten großen Erfolge habe ich eher am Rande mitbekommen. Dann folgten unter Heynckes und Krauss in den 80er Jahren wechselvollere Jahre, mit kleineren, aber für mich sehr wertvollen Höhen und den dazugehörigen fußballerischen Helden meiner Jugend.

Dann zwei Jahrzehnte, die mehr Schatten als Licht zu bieten hatten, die an vielem zweifeln ließen, die ich aber nie missen wollen würde - denn wir wissen zum Glück immer noch, wo wir herkommen. Zwei Abstiege, folgende Aufstiege, mehr schlimmer als guter Fußball, Kaufhaus-Des-Westens-Allüren gepaart mit vielen Enttäuschungen und sehr oft der leere Blick nach verlorenen Spielen, bange Blicke in die Zukunft, wie um Gottes Willen dieser Verein in irgendeiner Weise noch mal sein Graue-Maus-Image ablegen können soll.

Und dann - wie aus dem Nichts -  schon fast abgestiegen, im Jahr 2011 die märchenhafte Wende mit Lucien Favre. Wie Phönix aus der Asche: ein atemberaubender Aufstieg, kontinuierlich udn mit den dazugehörigen kleinen Rückschlägen, zu den Spitzenteams der Liga.
Nicht mit fremdem Geld erkauft, sondern mit einem durchdachten Plan und solidem Wirtschaften hart erarbeitet.
Eine Entwicklung, angesichts derer man sich immer noch ab und zu die Augen reiben muss und sich fragt: Was ist hier eigentlich passiert in den letzten 10 bis 12 Jahren und was passiert hier gerade noch?

Borussia, das ist seit mehr als 40 Jahren für mich fester Teil des Wochenendes (seit einigen Jahren erfreulicherweise auch noch oft Teil der Woche). Gewinnt Gladbach, wirkt sich das genauso auf meine Laune aus wie wenn die Mannschaft verliert. Daran hat sich seit meiner Kindheit nicht viel verändert, auch wenn ich heute damit naturgemäß besser umgehen kann.
Anders als den Spielern, die nach dem Schlusspfiff schnell mit allem abschließen müssen, um sich unbefangen und effektiv auf die nächste Partie vorbereiten zu können, hängt mir manche Niederlage noch tage- wochenlang, ja manchmal jahrelang nach. Das gilt natürlich zuerst für all die über die Jahre tragisch verlorenen Spiele, bei denen man sich vor allem um die Chance betrogen sah, dann doch vielleicht mal mehr erreichen zu können als in den Jahren zuvor. 

Doch ich litt jahrzehntelang nicht nur mit und an Borussia, sondern auch am begrenzten Zugang. Ich kannte das, was meine Helden taten, bis vor ein paar Jahren ja nur vom Hörensagen. Ins Stadion gehen, war in meiner Jugend nur sehr vereinzelt drin, viel zu weit weg lag der Bökelberg für mich.
Wie oft habe ich samstags vor dem Radio gehockt, mit dem Ohr dicht am Lautsprecher, oft um andere familiäre Nebengeräusche ausblenden zu können, die keine Rücksicht auf meine Fußballbedürfnisse nehmen wollten. Ich habe am Radio gejubelt, mitgefiebert, mich geärgert, mich aufgeregt, geweint.

Wie oft habe ich mich geärgert, dass bei meinem Heimsender, dem einzigen, bei dem man halbwegs störungsfreien Empfang hatte, zwar ständig Einblendungen der Spiele von Eintracht Frankfurt kamen, aber natürlich viel zu selten nach Gladbach oder zu den Spielen des VfL geschaltet wurde.

Wie lange musste ich abends auf die Bilder der Sportschau warten und auf die Zusammenfassung der Spiele - von denen ich erst, seit man selber komplette Spiele gucken kann, weiß, wie wenig sie oft das reale Spielgeschehen über die 90 Minuten widergeben - vor allem aus der Sicht des Fans.

Ja, irgendwann reichten mir die Schnipsel der Spiele nicht mehr und ich bin auf die Suche nach kompletten Übertragungen gegangen - erst im Internet bei ruckelnden Livestreams mit fremdsprachigen Kommentatoren, die ständig abbrachen oder einfach verschwanden. Irgendwann bin ich dann doch beim überteuerten Pay-TV-Anbieter gelandet, dem man monatlich viel Geld überweist und sich trotzdem oft genug ärgert. Inzwischen sind notgedrungen weitere dazugekommen, weil ich natürlich dann auch wenigstens jedes Spiel sehen können will.

Allerdings habe ich seitdem eben die Möglichkeit, mir ein eigenes Bild von der Leistung meiner Mannschaft zu bilden, auch wenn man nicht jede Woche ins Stadion gehen kann so wie ich.

Und letzten Endes ist dieser Schritt, den ich da gemacht habe, auch der Anfang und die Grundlage dieses Blogs, den ich seit gut fünfeinhalb Jahren regelmäßig und ernsthaft betreibe. Dieser Eintrag ist der 329. Artikel in Sachen Borussia. Etwa genausoviele Kommentare wurden unter den Texten abgegeben (332), davon einige natürlich auch von mir selbst. Insgesamt 206802 Aufrufe verzeichnet die Statistik seither, und die Tatsache, dass ich eine treue und freundliche Stammleserschaft habe, freut mich ungemein und spornt immer wieder an. Denn sonst hätte ich sicher schon mit diesem Blog aufgehört. Doch das war ja gar nicht das Thema.

120 Jahre. Eine Ewigkeit. Grund, stolz zu sein. Aber auch Mahnung, immer hellwach zu bleiben. Denn Tradition allein schützt niemanden vor dem Abstieg oder der Bedeutungslosigkeit. Davon können so viele renommierte Vereine ein Lied singen, die ich in meiner Jugend noch Woche für Woche in der Kicker-Stecktabelle umsortieren musste.

Sie sind (mehrfach) pleite gegangen, in der Versenkung verschwunden oder krebsen in der Zone zwischen bezahltem Profi- und (bezahltem) Amateurfußball herum, ohne je wieder die Aussicht zu haben, nochmal zu den 36 Mannschaften der ersten beiden Ligen gehören zu können.

Nein, der VfL Borussia 1900 ist nicht nur Traditionsverein (und dazu einer der ältesten erfolgreichen in Deutschland). Unsere Borussia hat auch erfolgreich den Sprung in die Moderne des Fußballs geschafft, in das Megazeitalter eines Milliardengeschäfts rund um das "runde Leder", das schon lange nicht mehr aus Leder, sondern aus Hightech und Kunststoffen besteht.

Unser Verein aus der oft belächelten Provinz spielt trotz erheblich schlechterer Ausgangschancen immer wieder im Konzert der ganz Großen mit, macht dabei seit fast zehn Jahren eine wirklich gute Figur - auch wenn die Aussicht auf einen wirklich großen Erfolg marginal ist und bleibt.
Und dabei versuchen alle, die für Borussia arbeiten, alle, die den VfL unterstützen - also alle, die die Raute im Herzen tragen - in diesem knallharten Geschäft auch noch den Anstand und die Menschlichkeit zu wahren.
Und das gelingt - mit diesem Präsidium, dieser Geschäftsführung, dem ganzen sportlichen Staff und allen sonstigen Mitarbeitern vom Spieler über die Fanshopmitarbeiter bis zum Ordner - immer wieder ziemlich eindrucksvoll.

Und das alles, muss ich sagen, ist mir viel mehr wert als eine Rekord-Jahreszahl, ein tolles Jubiläum, selbst mehr als ein sportlicher Titel. Und genau das feiere ich heute - aber nicht nur heute.

Deshalb: Alles Gute, Du alte, immer junge, moderne Borussia! Bleib', wie du bist! Mich wirst du eh nicht mehr los.

Stolzer Blick zurück,
volle Kraft nach vorn
Für den Namen,
den die Welt so glorreich kennt
Die Seele brennt!


Kommentare:

  1. Toller blog,

    trifft alles zu 100% auch auf mich zu, außer dass ich in Rheinland aufgewachsen bin, einige Male auf dem Bökelberg war.

    Ich dürfte Anfang / Mitte der Achtziger Jahre einige Siege im Müngersdorfer Stadium erleben ;-) War fast besser als eine Meisterschaft.

    Im Fussball Magazin (kennt das noch jemand ?), waren immer Gladbacher Geschichten dabei, auch dass Platini nach Gladbach wechseln wollte, Vorfreude war riesig, auch die Enttäuschung ... (habe übrigens erst vor ein paar Monaten erfahren, das er wirklich einen Vertrag angeboten bekommen hat ... )

    Die Achziger waren noch spannend, der Pokalsiege geil und dann der Niedergang in die triste Zeit, aber immer noch mit der Unterstützung in der Zweiten Liga.

    Mittlerweile wohne ich weiter weg, habe es aber zumindest ein paar mal, auch mit meinem Sohn (immerhin sympatisiert er mit der Borussia ... ) im Stadium oder hier in Süddeutschland einige süssige Siege bei Bayern oder Hoffenheim erleben dürfen ...

    Nun die letzten 10 Jahre mit Favre, Arango, Reus, Xhaka, ... , Thuram, Rose ....(Liste kann man beliebig verlängern ) sind wie ein Rausch .... Hoffe es bleibt so ...

    Auf die wahre Borussia ...

    p.s. eine Sache trennt uns noch, ich habe keinen Borussia-Blog ... ;-)

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  2. Vielen Dank, TikkiTakkaBMG. Man lernt doch immer wieder Neues im Austausch mit Fans. Das Fußball-Magazin kenne ich natürlich auch noch, aber die Geschichte mit Platini kannte ich noch nicht. Wenn das 1979 war, wie ich jetzt mal gegoogelt habe, dann kam statt des 19-jährigen Franzosen ein anderer talentierter 18-Jähriger an den Bökelberg, ein gewisser Lothar Matthäus - auch keine schlechte Wahl, wie sich herausgestellt hat. Echt spannend, und wenn du noch mehr solcher Erinnerungen hast - vielleicht wird es ja dann doch noch etwas mit deinem Blog ;-) Viele Grüße!

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  3. Hallo wirklich schöner Kommentar dem ich nur zustimmen kann, den HR als Heimatsender habe ich auch genossen konnte aber zum Glück bei mir im Ort schon WDR2 hören. Viele legendäre Schaltungen zum Bökelberg erleben und als Highlight einmal in der Saison im Block A im Waldstadion stehen. In den siebzigern ist man da einfach mit dem Zug und der Straßenbahn zum Stadion gefahren und hat sich seine Schülerkarte an der Stadionkasse gekauft.Ja mich hat es 1973 beim Pokalfinale gepackt und seitdem fieber ich mit der Borussia mit. Bin auch sehr stolz was bis jetzt schon alles im Borussiapark entstanden ist sowohl sportlich als auch von der Infrastruktur her.Freue mich auf die nächste Saison auch wenn ich die nächste Saison wegen Corona wohl leider kein Spiel im Stadion erleben kann.
    Es gibt nur eine Borussia und die macht auch mit 12o Jahren iimer noch viel Spaß beim ärgern der finazkräftigeren Clubs.

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