2020-11-25

Ein dankbarer Gegner

Ich mag Schachtar Donezk. Es ist ein freundliche Mannschaft, die es mir erlaubt, entspannt wie nie Fußball zu schauen. Gut, die Ukrainer werden das mit der Freundlichkeit ihres Gegners nicht genauso sehen. Und sie werden für immer wissen, wer und wie gut diese Mannschaft mit dem unaussprechlichen Namen aus Deutschland sein kann. Wie auch immer: Wer getippt hätte, dass die beiden Duelle zwischen den vermeintlichen Underdogs in dieser Champions-League-Gruppe einen so klaren Ausgang nehmen, wäre heute ein reicher Mensch. Aber so etwas Außergewöhnliches im Fußball darf gerne auch mal zugunsten von uns Gladbachern ausfallen, finde ich. 

Böse Zungen könnten behaupten: Wenn selbst Oscar Wendt und der zuletzt so abschlussunglückliche Breel Embolo Traumtore schießen, kann mit dem Gegner irgendwas nicht gestimmt haben. Und obwohl das - sofern ernst gemeint - natürlich eine anmaßende und respektlose Aussage wäre: So ganz falsch ist die Schlussfolgerung nicht.
Dass eine mit überdurchschnittlich guten Fußballern besetzte Champions-League-erfahrene Mannschaft wie Schachtar es über 180 Minuten nicht schafft, Borussia auch nur mal in einer Spielphase ins Wanken zu bringen, ist ein merkwürdiger Befund nach den beiden Partien gegen die Ukrainer. Aber woran es auch immer lag, der VfL hat sich diese
sechs Punkte, 10:0 Tore und die damit verbundene gute Ausgangsposition in der Gruppe ohne Frage sehr seriös erarbeitet und verdient.

Ein wichtiger Punkt: Das Team, das zum Auftakt noch 3:2 in Madrid gewonnen hatte, fand in den Spielen gegen Gladbach nie zu einer vernünftigen Zweikampfführung. Ganz im Gegensatz zur Rose-Elf, die mit der großzügigeren Linie der Schiedsrichter gut zurecht kam und dies zu nutzen wusste, auch weil sich Donezk kaum mit Fouls wehrte, wie sie es hätte tun können oder wie es der eine oder andere Gegner in dieser Gruppe wohl getan hätte.

Aber egal. Donezk war unerklärlich schwach, was man Borussia nicht zur Last legen kann. Stindl und Co dagegen waren ehr stark. Und sie haben gezeigt, wie konzentriert und kalt bis ans Herz sie Spiele durchziehen können. Dumm nur, dass das in der Liga noch nicht gleichermaßen gelungen ist. Doch da sind Spiele auch deutlich umkämpfter als es die Duelle mit dem ukrainischen Meister waren. 

Das bedeutet, dass diese beiden wohltuenden Galas im großen Rampenlicht leider nichts für das nächsten Bundesligaspiel bedeuten müssen. Aber darauf komme ich zurück, wenn es denn so sein sollte.

Heute muss man wieder die Teamleistung hervorheben, von der Nummer eins bis zum Stoßstürmer bewegte sich da ein eingespielter, harmonischer Gesamtkörper - vergleichbar vielleicht mit einem Fischschwarm, der zusammen einen großen Raubfisch imitiert und jede Bewegung synchron ausführt. Die Reihen verschoben sich geschickt, das Forechecking auf Kommando war effektiv, die Nebenmänner waren immer in der Nähe, um anspielbar zu sein und zu unterstützen. Borussia wirkte wie mit unsichtbaren Fäden zusammengehalten, unerschütterlich und sehr souverän. Das machte wirklich Spaß, weil es ja auch ein entspanntes Zuschauen war.

Doch bei aller Gemeinschaftsleistung - es gab dann doch auch die individuellen Glanzpunkte und anderes Bemerkenswertes. Da will ich heute mal mit dem Routinier auf der linken Seite anfangen. Oscar Wendt machte heute sicher eins seiner besten Spiele für Borussia. Nicht nur wegen des sehenswerten Freistoßtores, als der präzise reingeschlenzte Ball - mit etwas Glück - an allen Gegnern und dem Torwart vorbei ins lange Eck flog. Oscar leitete auch das vorentscheidende 3:0 mit einem Freistoß ein, und hielt seine Seite im Verbund mit Marcus Thuram dicht. Das ist nicht selbstverständlich, vor allem, weil Wendts Spielzeit zuletzt nicht zu üppig ausgefallen war und der Schwede bei Borussia stets dann am besten war, wenn er sich über regelmäßige Einsätze die richtige Spielfrische und das Selbstvertrauen holen konnte. 

Mit seiner manchmal etwas hektisch wirkenden Spielweise hat es Oscar bei den Fans - trotz eines gewissen Kultstatus' - ja auch oft schwer gehabt. Umso wichtiger war für uns und ihn heute der Beweis, dass er noch längst nicht zum alten Eisen zählt, auch wenn Konkurrent Ramy Bensebaini deutlich mehr Torgefahr und Dynamik nach vorn und hinten ins Spiel einbringen kann. Sicher, es gibt Spiele und Gegenspieler, da stößt ein Oscar Wendt inzwischen an seine Grenzen. Aber heute nicht, wie die auch für einen Abwehrspieler fast unglaubliche Zweikampfquote von 88 Prozent unterstreicht (die von Elvedi und Ginter lagen im übrigen fast genauso hoch, bei wahrscheinlich noch deutlich mehr absolvierten Zweikämpfen).

Neben Wendt war heute das zentrale Mittelfeld wieder außerordentlich stark. Chris Kramer und Flo Neuhaus harmonieren hervorragend, und was gerade der Jungnationalspieler im Moment auf den Platz zaubert, ist beängstigend gut. Richtungswechsel, die die Gegner wie Schuljungen aussehen lassen, Monsterpässe in die Spitze, hervorragende Zweikampfbehauptung und eine Übersicht, als hätte er auch hinten Augen. Da spielt gerade einer ("leider") schon für die ganz Großen vor. Und Kramer ist der, der Neuhaus den Rücken freihält.

Daneben wirkt der Kapitän fast unscheinbar, wie ein fleißiger Arbeiter. Doch das, was Lars Stindl an Physis, Geschicklichkeit und Nickligkeit in die Zweikämpfe wirft, ist für Borussia gerade unbezahlbar. Dazu kommen seine Torbeteiligungen. Heute war das der Elfmeter, den Thuram überhaupt nur dank Stindls Geniepass durch die Abwehr herausholen konnte - und natürlich die Ecke zum 2:0 von Nico Elvedi. Aber Lars Stindl ist eben auch der, der gegnerische Angriffe stoppt und gegen den Ball ein unglaublich effektiver Störer ist. Falls Jogi Löw noch mehr Gladbacher brauchen sollte, um seinen Kopf zu retten: Hier wäre einer, der eifrig Bewerbungen abgibt!

Das alles soll die Leistung der anderen nicht schmälern, aber es fiel heute besonders auf. Besonders gefreut hat mich natürlich auch das klasse Tor von Breel Embolo, der schon wieder auf dem Weg zum Unglücksraben war, bis er mit dem unkonventionellen Fallrückzieher-Außenristschlag genau die Lücke fand, die Donezks Torwart gelassen hatte. Und froh war ich auch, dass Yann Sommer letztlich selbst mit zwei fantastischen Paraden in der Schlussphase etwas dafür tun konnte, dass sein Tor auch diesmal sauber blieb.

So kann es weitergehen. Aber ob es das auch so wird, steht auf einem anderen Blatt Papier. Denn für Überraschungen in die andere Richtung ist unser Team eben auch immer gut. Hoffen wir, dass das heute der Start einer neuen Positivserie war.

War irgendetwas schlecht heute? Nein, denn - und das ist im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert - auch das erste kleine Saisonziel hat Borussia heute dank des Ergebnisses im Parallelspiel schon erreicht. Denn durch die Niederlage gegen Real kann Inter zwar wie Borussia auch noch auf acht Punkte kommen und wäre dann dank des gewonnenen direkten Vergleichs vor dem VfL. Doch dazu müssten sie gegen Gladbach und Donezk gewinnen. Das wiederum hätte zur Folge, dass Schachtar auf jeden Fall hinter dem VfL bliebe. Das Überwintern in der europäischen Klasse wäre damit also gesichert, zumindest als Gruppendritter, der in der Euro League weiterspielen würde. 

Bleiben noch zwei Möglichkeiten, diese Ausgangsposition zu veredeln und erstmals in der Champions League die Gruppenphase erfolgreich zu überstehen. Nach vier ungeschlagenen Spielen von sechs, mit 8 Punkten und einem Torverhältnis von 14:4 stehen die Chancen darauf nicht allzuschlecht, auch wenn es jetzt erneut gegen die harten Kaliber aus Mailand und Madrid geht. Klar ist aber: Ein Sieg nächste Woche, und Borussia ist weiterhin in der CL dabei. Und das wird das Ziel von Marco Rose und seinen Mannen sein. Ich freue mich drauf! 

Champions League 2020/21, Gruppenphase, 4. Spieltag: Borussia  Mönchengladbach - Schachtar Donezk 4:0. Tore für Borussia:  1:0 Stindl (FEM, Thuram), 2:0 Elvedi, 3:0 Embolo, 4:0 OscarOscar Wendt.

 Saisonspende: Vier Tore, ein Zu-Null, das gibt 3 Euro an diesem Spieltag. Der aktuelle Stand damit: 46 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro.
Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro.
Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

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