2021-01-21

Genervt, aber mit Rückgrat

Es nervt!

Borussia hat in dieser Saison ja so schon zu kämpfen, die guten Ergebnisse aus dem vergangenen Premierenjahr unter Marco Rose zu bestätigen. Es gelingt mal ein Spiel lang gut, dann wieder nicht so. Souveränität ist in diesen Monaten ein flüchtiger Gast im Gladbacher Spiel. Doch damit kann eigentlich wohl jeder Gladbach-Fan ganz gut umgehen, weil der Fortschritt sich zugleich im Überstehen der Gruppenphase in der Champions League manifestiert hat. Dass da an anderer Stelle Abstriche gemacht werden müssen, ist nicht ungewöhnlich.

Aber was wirklich gehörig nervt, ist etwas, das man rund um den Borussia Park seit vielen Jahren nicht mehr gewohnt war - schlechte Presse. Nein, Skandale oder Skandälchen sind doch etwas für andere schillerndere Clubs, beim VfL geht man seit jeher bescheiden und untadelig zu Werke. Die Zeiten eines Igor "Kofferaum" Belanow oder Logan "Eigentorfaust" Bailly liegen lange zurück. "Wir sind die Guten" - das dachten wir nicht nur. Darauf konnten wir uns unter der Führung des jetzigen Präsidiums und der sportlichen Führung eigentlich immer verlassen.

Nun hat dieses Bild gleich zweimal Risse bekommen, und das in nur etwas mehr als einem Monat. Nicht durch die Spitzen des Vereins, sondern durch zwei Spieler, denen man zudem dieses Skandalpotenzial nicht so einfach zugetraut hätte. Erst Marcus Thurams Spuckattacke auf dem Feld, jetzt Breel Embolos coronawidriger nächtlicher Ausflug nach Essen, was auch immer dort nun geplant war oder in Wirklichkeit vorgefallen ist.

Beides hat dem tadellosen Image des Vereins in der breiten Öffentlichkeit geschadet, nicht nur bei hämischen Fans ungeliebter Konkurrenzclubs. Und die beiden Spieler haben mit ihrem Fehlverhalten sich selbst und natürlich den Ambitionen der Mannschaft einen Bärendienst erwiesen. 

Ich will mich hier nicht zu den Einzelheiten des Vorfalls am Essener Baldeney-See äußern. Ich war nicht dabei und kenne wie alle anderen nur die veröffentlichten Stellungnahmen verschiedener Seiten. Es sind noch Fragen offen, etwa die, ob Breel Embolo mit seiner Erzählung vom nächtlichen Basketballschauen mit Freunden Verein und Fans angelogen hat oder nicht. Aber auch die, wie es kommen konnte, dass diese Geschichte zu einem großen Boulevard-Thema hochgekocht werden konnte. Denn eins ist klar: Es geht hier nicht per se um eine schwere Straftat, die ein öffentliche Unterrichtung notwendig machen würde, sondern um eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer dreistelligen Geldstrafe geahndet wird - wohl auch unabhängig davon, ob jemand flüchtend über ein Dach flitzt oder nicht.

Beide Spieler haben ihren Schaden, sie müssen verlorenes Vertrauen erst wieder zurückgewinnen und können sich von ihrem Makel nur nach und nach durch gute Leistungen und tadelloses Verhalten lösen.

Das Gute ist: Der Verein hat sich in beiden Fällen sehr klar positioniert. Und ich finde, er hat dabei ziemlich viel richtig gemacht, auch wenn er damit ein gewisses Risiko eingeht, von interessierter Seite zum Kumpanen gestempelt zu werden, wie dies die Bild-Zeitung heute schon versucht hat.

Bei Marcus Thuram war die Sache noch recht einfach. Dass Spucken absolut nicht geht, nicht toleriert und nicht schöngeredet werden kann, war jedem klar. Und auch wenn der Spieler sicher das Bedürfnis hatte, sich auch vor sich selbst ein bisschen zu erklären: Borussia hat das schnell erstickt. Einmal, indem man mit einer happigen Geldstrafe für einen guten Zweck und der vorab akzeptierten Sperre vielen Kritikern schnell den Wind aus den Segeln nahm. Und zweitens tat Borussia gut daran (sicher in Absprache mit Spieler und seinem Umfeld), Thuram für mehrere Wochen quasi abtauchen zu lassen, obwohl er ja normal im Training war. Ein Interview mit seinem Vater zu dem Thema habe ich in dieser Zeit gelesen, ansonsten war Tikus seit Weihnachten kein Thema, auch nicht bei Bild und Co.

Bei Breel Embolo liegt der Fall etwas anders. Der hat sich mit seinem dämlichen und unprofessionellen nächtlichen Ausflug sogar noch lautstärker für eine saftige vereinsinterne Strafe beworben als Marcus Thuram, der ja schon freiwillig zu Buße bereit war.

Denn hier kommt ja noch mehr zusammen als eine unüberlegte Aktion im Eifer des Gefechts. Bei Embolo stellt die Fahrt nach Essen allein schon einen klaren Verstoß gegen die Coronaregeln und die teaminternen Hygienevorschriften dar. Im schlimmsten Fall gefährdet so etwas die Sonderrechte aller Bundesligisten in Bezug auf die Ausübung ihrer Tätigkeit in der Pandemie.
Gerade angesichts der ständig verlängerten Lockdownzeiten ist es hochgefährlich, wenn sich ein priviligierter Kicker über die Versammlungsregeln hinweg setzt - einfach, "weil er es kann". Das erklärt auch einen großen Teil der Wut und die heftigen Reaktionen von enttäuschten Fans.

Letztlich rechtfertigt diese Gemengelage ja dann auch das öffentliche Interesse und die identifizierende Berichterstattung zu Lasten Breels.
Allerdings stellt sich schon die Frage, wer diese Information und möglicherweise weitere Details an die Medien durchgesteckt hat.
Und es rechtfertigt nicht, anhand dieser Ordnungswidrigkeit eine Rufmordkampagne gegen den Spieler loszutreten, indem man ihm angebliche Verfehlungen aus der Jugend wie eine Strafakte vorhält.
Denn nochmal: Die Aktion vom Baldeney-See war scheiße und sie war ein deutlicher Regelverstoß und ein Affront gegenüber allen, die versuchen, durch eigenen Verzicht die Ausbreitung des Corona-Virus - so gut es geht - zu verhindern. Es hat aber dennoch nur einen Bußgeldbescheid zur Folge, nicht einmal einen Termin vor Gericht. Jemanden über eine Millionenauflage fertigzumachen, ist einfach nur niederträchtig.

Was sehr auffällig ist, ist Borussias standhafte Reaktion. Die Botschaft ist unmissverständlich: Man verurteilt die Aktion ohne Schönrederei. Aber man glaubt und vertraut auch dem Spieler und seiner Version der Geschichte. Und man bleibt auch auf mehrfache Nachfrage dabei, selbst wenn die Boulevardmedien neue Behauptungen nachschieben, die Breels Version zumindest weiter erschüttern könnten.
Damit signalisiert man Embolo, aber auch jedem anderen im Verein: Wir lassen keinen hängen. Das ist nicht mit Kumpanei zu verwechseln und es ist auch keine Komplizenschaft, sondern Rückgrat.
Denn der zweite Teil der Botschaft ist ebenso unmissverständlich: Wir arbeiten das intern durchaus auf. Das war für Marcus Thuram sicher nicht angenehm, für Breel Embolo könnte es noch weit unangenehmer werden, weil er obendrein noch mit ein paar verdienten Ohrschellen von der ganzen Mannschaft rechnen muss. Und sollte sich herausstellen, dass er Team, Fans und Vorgesetzte belogen hat, wird es eine schwere Zeit für ihn.

Es spricht aber nichts dafür, dass ihn Borussia deswegen direkt fallen lassen würde. Und das ist gut so. Denn ob wir wollen oder nicht: Die hochbezahlten Kicker werden unter anderen Bedingungen erwachsen als wir. Für unsere Fehler hat sich außer Eltern und Freunden kaum jemand interessiert. Wenn Profifußballer Fehler machen, drücken sich dabei leicht mal Millionen Menschen die Nase am Fenster platt - wenn es (wie in Essen) an die Öffentlichkeit dringt.

Aber das bedeutet auch, dass der Verein in seinem Wirkungsbereich seiner Verantwortung in angenehmer Weise nachkommt, ohne sich der Konsequenzen zu verschließen, die Embolo vom Rechtsstaat zu erwarten hat. Und das beruhigt und versöhnt mich dann nach der ganzen Aufregung der vergangenen Tage auch wieder.  

Denn ich finde, auch wenn uns diese Thematik und der Umgang damit an die Nieren geht und man eigentlich keine Lust hat, einem Spieler zur Seite zu springen, der nun wirklich etwas grob falsch gemacht hat. Wir können stolz sein, dass unser Verein so abgeklärt reagiert und sich nicht von Schlagzeilen dazu verleiten lässt, Spieler zu Sündenböcken zu machen und der Öffentlichkeit zu Fraß vorzuwerfen. Es wäre klasse, wenn sich das am Ende auszahlt und die reuigen Sünder dieses Vertrauen in Leistung wieder zurückgeben. Das sind sie allen ein bisschen schuldig. Und es ist der beste Weg, sich den Weg aus ihrer "Sackgasse" wieder freizuschießen.

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