2022-08-14

Vollauf verdient

Schalke 04 ist zurück in der Liga, und damit offenbar auch die Schwierigkeiten, die Borussia in der Gelsenkirchener Turnhalle seit jeher hat. Zwar war das Dach diesmal offen, aber lange Zeit sorgte das zumindest bei den Borussen nicht für frischen Wind im Spiel.
70 Minuten lang fiel dem Team von Daniel Farke deutlich zu wenig ein, für eine sehr vorhersehbare Spielsituation: Einen bissigen Aufsteiger, der vor allem die eigene Hälfte verteidigen und dabei die liebsten Gladbacher Räume in der Mitte eng machen würde - und auch knackig und bisweilen rücksichtslos in die Zweikämpfe geht.

Also war es wie gegen Hoffenheim, der Ball zirkulierte bei den im neuen Auswärtsgrün gekleideten Akteuren immer wieder kurz vor und hinter der Mittellinie und wurde beim Anlaufen durch gegnerische Stürmer viel quer und leider auch zurück zum Torwart gespielt. Das machte es den Schalkern recht einfach, Borussia vom eigenen Tor wegzuhalten. Dazu kam eine leichte Schlampigkeit in den Aktionen nach vorne, die meisten Bälle, die tief gespielt wurden, kamen nicht an.

In der vergangenen Woche half den Borussen die frühe zahlenmäßige Überzahl, sich mit fortschreitender Spielzeit besser in Szene zu setzen. Diesmal taten sie sich ungleich schwerer, auch weil Koné und Plea, aber auch Thuram längst nicht so zum Zug kamen wie am ersten Spieltag.

Schalke schaffte es mit seinem Anlaufverhalten zudem, das Gladbacher Aufbauspiel immer wieder auf Elvedi zu lenken, der unter Druck dann aber fast immer den sicheren Weg wählte und das Spiel verlangsamte. Ihm fehlte auf der gegenüberliegenden Seite allerdings auch ein Abnehmer für einen öffnenden Diagonalball.
Joe Scally gab zwar den vorgezogenen Außenverteidiger, konnte mit der Rolle aber irgendwie gar nichts anfangen und stahl eher noch Jonas Hofmann Räume. Auf der anderen Seite wurde der oft tiefer stehende Ramy Bensebaini dadurch in der Offensive etwas verschenkt.

Wie auch immer, es war in der ersten Halbzeit kein gutes, aber ein weitgehend kontrolliertes Spiel von Sommer und Co. In der Defensive allerdings zeigten sich alte Schwächen. Das 0:1 war einer jener Konter, von denen Borussia in den vergangenen beiden Jahren schon so viele geschluckt hat.
Natürlich hätte Koné in der Konsequenz kurz vor Salazars Schuss das taktische Foul ziehen müssen, aber der Angriff hätte auch schon vorher mit einer besseren Abstimmung verteidigt werden können (müssen). Das passiert natürlich, aber die Mannschaft hat in den ersten Wochen unter Farke da schon durchweg cleverer und effektiver verteidigt als in diesem Spiel.

Wenn man ehrlich ist, hätte das Spiel bis zu 70. Minute auch längst entschieden sein können, weil Gladbach zur eigenen offensiven Harmlosigkeit auch zu viele gute Schussgelegenheiten des Gegners zuließ. Insofern kam trotz des geduldigen und ballbesitzorientierten Spiels und dem einen oder anderen spielerischen Geistesblitz der Ausgleich eher überraschend. Wie gut er durch herausgespielt wurde, zeigt einmal mehr das Potenzial dieser Mannschaft. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sowohl da als auch bei Thurams technisch anspruchsvollem Drehschuss zur Führung die Schalker etwas mithalfen.

Mit dem Rest und somit auch dem Ausgang des Spiels kann ich dann aber auch ganz gut leben. Gladbach hat sich in Gelsenkirchen in den vergangenen Jahren eigentlich fast immer schwer getan. Insofern nehme ich einen Punkt gern mit, auch wenn man nicht weiß, wie sehr man sich vielleicht später noch darüber ärgert, zwei Punkte in letzter Sekunde liegengelassen zu haben.

Ohne Frage: Wie Schalke zum Last-Minute-Ausgleich kam, ist einfach unnötig. Aber an dem Elfmeterpfiff führt aus meiner Sicht kein Weg vorbei. Blöd, dass aus dem Freistoß wahrscheinlich auch nicht mal eine gefährliche Situation geworden wäre, wenn Flaco die Hand weggelassen hätte.

Streiten könnte man darüber, dass der Freistoß zuvor eigentlich für Gladbach hätte gepfiffen werden sollen, weil Plea von zwei Gegnern angegangen und unterlaufen wurde. Aber eine klare Fehlentscheidung sehe ich da auch nicht. Fragen muss man sich, warum Plea in der letzten Spielminute überhaupt in der eigenen Hälfte an der Außenlinie so in Bedrängnis kommt und klären muss. Wie so oft beginnt die Fehlerkette ja deutlich früher.

Was positiv stimmt, ist der allgemeine Zustand der Mannschaft. Die Resilienz, also Widerstandsfähigkeit bis zum Schluss, die Farke einfordert, hat seine Mannschaft jetzt schon mehrfach demonstriert, auch wenn der späte Ausgleich vermeintlich dagegen spricht.
Aber wenn man das bärenstarke Verteidigen des besten Gladbachers gestern, Ko Itakura, als Beispiel nimmt, konnte man genau diese Resilienz im Einsatz sehen. Gegen körperlich klar überlegene Schränke wie Bülter, Polter und Terodde so fokussiert und präzise zu verteidigen - zumal in schwierigen Spielphasen - ist eine große Stärke. Die Mannschaft steckt Rückstände weg und bleibt in der Ordnung.

Außerdem fällt auf, dass Gladbach wieder Luft für 90 Minuten plus hat. Zusammen mit den spielerischen Stärken ist das eine gute Basis. Vielleicht ist es auch für etwas gut, dass der späte Ausgleich den perfekten Start und die (vorübergehende) Tabellenführung verhindert hat. Denn so wird der Blick auf die vorhandenen Defizite - etwa im Spiel gegen "destruktive" Gegner nicht zu schnell von leicht aufkeimender Euphorie vernebelt. 

Komme ich noch zum Schiedsrichter. In den entscheidenden Szenen kann ich Sven Jablonski folgen, beim Elfmeter, aber auch bei Gelb statt Rot nach dem Foul an Hofmann in der ersten Hälfte. Klar hätte ich den Platzverweis gern gehabt, aber ich habe auch gelernt, dass dazu der gefoulte Spieler, der allein aufs Tor zuläuft, klare Ballkontrolle haben soll und niemand anderes mehr eingreifen kann. Hofmann hätte noch ein, zwei Schritte gebraucht, um den Ball unter Kontrolle zu bringen und wäre dadurch auch etwas nach außen abgedrängt gewesen. Insofern kann ich die Entscheidung schon akzeptieren.

Was mir nicht gefallen hat, war die Linie, die der Fifa-Schiri von Beginn an gefahren hat. Wie schon im Hoffenheim-Spiel gab es für Gladbachs Akteure in jedem Zweikampf auf die Socken, dreimal davon mit klaren Tritten auf den Fuß bzw. den Knöchel, also mit Gelb-Potenzial. Teilweise sah Jablonski nicht einmal ein Foul darin, und das ist problematisch. 

Ich wiederhole mich, aber wenn in einem Spiel in der Anfangsphase einseitig gefoult wird, kann ich das nicht großzügig laufen lassen. Das wird dem Spiel nicht gerecht und es schützt nicht die Opfer dieser Spielweise. Es ist kein Zeichen von guter Spielleitung, zumal es sich oft im Spielverlauf rächt, weil das Spiel entgleitet oder später für vergleichsweise weniger harte Szenen reihenweise Gelb gezeigt wird, um Ruhe ins Spiel zu bekommen. 

Zum Glück ist es diesmal nicht eskaliert. Bei der ersten Gelbsperre von Manu Koné werde ich übrigens daran erinnern, dass die Karte auf Schalke ein Witz war, denn Koné stellte sein Bein vor das des Schalkers und spielte dabei den Ball. Auch das gab übrigens eine gefährliche Freistoßsituation am Strafraum, wo man sich bei einem Tor darüber hätte unterhalten müssen, ob der Freistoß überhaupt gerechtfertigt war. Das ist am Ende alles nichts Wildes, aber ich kann Daniel Farke schon verstehen, der fand, dass der Schiri die 50:50-Entscheidungen eher für die Gastgeber gepfiffen hat. 

Aber das ist etwas, was man eh nicht groß beeinflussen kann. Aufbauen lässt sich auf der Leistung vor allem in der letzten halben Stunde dennoch sehr gut. Ich hatte ja vergangene Woche geschrieben, dass es interessant wird zu beobachten, wie die Mannschaft gegen einen defensiven Gegner, der nicht in Unterzahl ist, zu Lösungen kommt.

Da  gibt es noch keine wirklich überzeugenden Erkenntnisse. Aber die Saison ist noch lang. Und die Mannschaft ist jetzt schon in der Lage, auch aus wenig etwas zu machen. Dass es diesmal "nur" ein Punkt war, ist aber von allen Seiten betrachtet verdient - so realistisch und fair muss man sein. 

Saison 2022/23, Bundesliga, 2. Spieltag: FC Schalke 04 - Borussia Mönchengladbach 2:2. Tore für Borussia: 1:1 Hofmann, 1:2 Thuram.

Zwei Auswärtstore, zwei Spendeneuro, der Stand steigt auf 24 Euro.

Das gilt in der Saison 22/23: Für jedes erzielte Tor von Borussia in Bundesliga oder DFB-Pokal zahle ich 1 Euro. Für jedes Tor von Tony Jantschke oder Christoph Kramer: 10 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 10 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg: 10 Euro. Einstelliger Tabellenplatz am Saisonende: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Deutsche Meisterschaft: 122 Euro. DFB-Pokalsieg: 50 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

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