Auf Zehenspitzen

Auf Zehenspitzen ist Borussia genauso groß wie die Riesen der Champions League - das reicht aber in diesem Jahr nicht, um die Vorrunde in der Königsklasse gegen Teams wie Juventus Turin oder Manchester City zu überstehen. Gewusst haben wir das alle eigentlich schon bei der Auslosung im Spätsommer, sicher ist es seit gestern. Warum mischt sich also nun auch eine gehörige Portion Enttäuschung in die Bewertung der tollen Leistung gegen die Alte Dame aus Turin? Natürlich, weil der VfL es in der Hand hatte, die (Todes-)Gruppe bis zum letzten Spieltag offen zu gestalten und zu überstehen. Drei richtig erwachsene Auftritte gegen Man City und Juve, Siegchancen in zweien dieser drei Spiele, aber letztlich drei Punkte weniger auf der Habenseite, als aus diesen Partien verdient gewesen wären. Das ist das, was man letztlich unter der Rubrik Lehrgeld abheften muss.

Da das erste Aufeinandertreffen gegen Sevilla völlig in die Hose ging, ist auch das insgeheim erhoffte Ziel, in der Europa League weiterspielen zu dürfen, nun von zwei Siegen abhängig. Den gegen den direkten Konkurrenten vorausgesetzt, wird nach normalem Gang der Dinge ein Punkt im letzten Spiel gegen die Engländer wohl nicht reichen. Denn bei Punktgleichheit (und einen Sieg der Spanier gegen die schon qualifizierten Turiner vorausgesetzt) müsste Borussia den FC Sevilla schon mit vier Toren Unterschied aus dem Borussia Park schießen, um im direkten Vergleich am Ende vorne zu liegen. Das aber sind Zahlenspiele, Zukunftsmusik. Borussia hat es zumindest in der Hand, den dritten Platz in der Gruppe aus eigener Kraft zu sichern.
Was man aus der Premierensaison in der Königsklasse auf jeden Fall mitnehmen kann, ist, dass der VfL auf Augenhöhe mit den besten Teams Europas ist - auch wenn man dafür zeitweise die am Anfang erwähnten Zehenspitzen braucht, um ins obere Regal zu greifen. Xhaka und Co. können Gegner wie Juve und City phasenweise an die Wand spielen, sie können sich auch deren geballter Offensivkraft erfolgreich erwehren. Sie haben aber noch nicht ganz die unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der die arrivierten Spitzenteams zu Werke gehen und mit der sie sich letztlich auch in den entscheidenden Szenen durchsetzen.

Auch gestern war, trotz Überzahl in der zweiten Hälfte, in Borussias Spiel immer ein wenig Angst - oder Vorsicht - zu spüren, sich bloß nicht durch einen Fehlpass einen Konter einzufangen und das Spiel zu verlieren. Das sorgte dafür, dass gegen den rosa Betonblock doch immer wieder sicher herumgespielt wurde und das letzte Risiko ausblieb. Erst mit Hazards (zu später) Einwechslung kam nochmals Bewegung in den zunehmend statischen Spielaufbau. Um nicht missverstanden zu werden: Daran ist nichts falsch. Die Leistung der Mannschaft, defensiv wie offensiv, war hervorragend. Und ein Punkt ist, vor allem mit Blick auf das Duell mit Sevilla, besser als keiner. Doch CL-Dauergäste wie Juve (oder in Deutschland der FC Bayern) gehen, vielleicht auch dank ihrer weitaus erfahreneren Spieler, offensichtlich mit einem anderen Selbstbewusstsein zu Werke. Und das macht am Ende oft den Unterschied. Als bestes Beispiel ist hier das Gegentor zu nennen. Über 180 Minuten gelang es Gladbach eindrucksvoll, Juves Dreh- und Angelpunkt Paul Pogba zu bändigen. Doch mit einem genialen Pass auf Lichtsteiner sorgte er letztlich für das vorzeitige Aus der Borussia.

Ungeachtet dessen hatte die Schubert-Elf auch gestern ausreichend Chancen, das Spiel für sich zu entscheiden. Zwei Lattentreffer, der von Buffon geklärte Stindl-Kopfball aus vier Metern und in der ersten Halbzeit eine Handvoll einfach schlecht ausgespielter Konterchancen, die mit Fehlpässen endeten, sprechen eine deutliche Sprache, wer gestern Herr im Haus war. Dass Juve bei seinen ebenfalls vorhandenen guten Chancen glücklicherweise auch immer wieder knapp daneben zielte, sprach eigentlich dafür, dass der erste Sieg in der Champions-League-Geschichte fällig war. Viel fehlte also nicht.
Aber wie sagt das Phrasenschwein: So ist Fußball. Anstatt enttäuscht zu sein und die heutigen Schlagzeilen vom "vorzeitigen Aus" zu ernst zu nehmen, genießen wir lieber die verbleibenden internationalen Abende. Wir freuen uns über die bisherigen Europa-Auftritte auf und neben dem Platz, die wie die erneut sehr beeindruckende Choreo eine tolle Werbung für unseren Club waren und sind stolz darauf, dass uns im nächsten Jahr (falls wir wieder auf Europa-Tour gehen sollten) von den Gegnern noch mehr Respekt und Achtung entgegengebracht wird. Denn Borussia ist wieder wer - ob nun auf Zehenspitzen oder nicht.

Champions League, Gruppenphase, 4. Spieltag: Borussia Mönchengladbach - Juventus Turin 1:1 (3.11.2015)
(Tor für Borussia: 1:0 Johnson)

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