Ein Remis für die Moral

Unentschieden in Hoffenheim. Jahrelang wäre das für Borussia eine gute Nachricht gewesen, schließlich ist gegen kaum eine andere Mannschaft die Bilanz so mau wie gegen den Hoppschen Retortenklub. In der vergangenen Saison gelang überhaupt erst der erste Sieg in Sinsheim, und gegen den derzeitigen Tabellenletzten konnte man dann doch auch diesmal die drei Punkte einplanen, oder?
Am Ende stand ein verdientes, aber nicht selbstverständliches Unentschieden in einem von beiden Seiten rassig geführten, tollen Fußballspiel. Und das war für mich sehr zufriedenstellend - weil zum Fußball einfach mehr gehört als Tabellenplätze gegeneinander zu stellen und zur Beurteilung einer Leistung mehr als der Blick auf das nackte Endergebnis.

Hoffenheim, das muss man einfach neidlos anerkennen, verstand es in diesem Spiel, die Lücken zu nutzen, die die Hintermannschaft des VfL schon gegen Hannover und Sevilla offenbarte. In allen drei Spielen ließen die Borussen viel zu viele Top-Chancen des Gegners zu. Das ging zweimal gut, diesmal nicht - weil die TSG die Chancen effizient zu nutzen verstand. Beim ersten Gegentor stimmte die Aufteilung beim Eckball nicht und auch Torwart Yann Sommer verschätzte sich - ein zu leichtes Gegentor. Beim zweiten war Glück mit im Spiel, weil Polanskis eher harmloser Schuss unhaltbar abgefälscht wurde. Dennoch war der Treffer gut herausgespielt. Das dritte Gegentor war ein halbes Eigentor, da Stindls unfassbarer Fehlpass in den eigenen Strafraum natürlich eine Einladung für jeden Gegner ist.
Dennoch: Gladbach hat auch dieses Spiel nicht verloren, trotz der genannten Unzulänglichkeiten in der Defensive. Trotz schwerer Beine nach dem Fight gegen Sevilla, die sicher nicht leichter wurden, als Hoffenheim die frühe Führung umdrehte und es sofort nach dem Wiederanpfiff plötzlich 1:3 stand. Borussia verlor nicht den Faden, spielte ruhig und abgeklärt weiter, mit mehr Risiko und eindrucksvoller Passqualität und Spielfreude. Und das ist, was zählt.
Es gibt also keinen Grund, die Mannschaft zu kritisieren: Sie hat ein erstklassiges Spiel abgeliefert (wieder unter erschwertten Bedingungen), sich am Ende mit dem verdienten Ausgleich belohnt und nebenbei auch den Unbesiegbarkeitsnimbus unter André Schubert gewahrt. Den wird uns aller Voraussicht nach in der kommenden Woche die Übermannschaft FC Bayern rauben, aber eben nicht die Stevens-Truppe und auch nicht der wieder mal negativ auffällige Schiedsrichter Weiner, der dem VfL zwei klare Elfmeter versagte (nachdem er Borussia schon bei seinem letzten Auftritt im Heimspiel gegen Augsburg richtiggehend verpfiffen hatte).

Mann des Tages war unzweifelhaft Fabian Johnson, und er hat es verdient, sich durch die beiden schönen Tore auch mal für alle sichtbar in den Vordergrund gespielt zu haben. Denn was der Kerl für die Mannschaft läuft, an Löchern in der Defensive stopft und darüber hinaus auch noch an vielen gefährlichen Szenen vor dem gegnerischen Tor beteiligt ist, das ist schon außerordentlich. Es fällt aber nicht jedem Zuschauer auf, weil er nicht der Mann der spektakulären Szenen, sondern der der kleinen Balleroberung und der "Angriffszerstörung" ist. Bislang hatte sich der frühere Hoffenheimer vor dem Tor trotz häufiger guter Chancen nicht unbedingt als abschlussstark erwiesen, doch zuletzt bewies er mit Toren gegen Turin, Sevilla und eben an diesem Samstag den Killerinstinkt eines Vollblutstürmers. Also richtet sich das Rampenlicht nun völlig zurecht auch mal auf ihn.

Ebenfalls erwähnenswert: die mit den Wettkampfminuten ansteigende Leistungskurve von Josip Drmic, der mit seiner neuen Rolle auf dem Flügel Selbstvertrauen tankte. Gegen Hoffenheim spielte er nicht nur wieder sehr konzentriert und fügte sich gut in den Kombinationsfußball der Borussia ein. Es gelang ihm nach der Umstellung in der zweiten Halbzeit als "richtiger Stürmer" auch endlich das ersehnte erste Tor. Darauf kann man aufbauen (ich glaube, ich schrieb ähnliches schon vor dem Hannover-Spiel). Großen Anteil daran hat aber unzweifelhaft André Schubert, der die Mannschaft nicht nur geschickt einstellt, sondern auch im Spiel durch gelungene Auswechslungen seinen Anteil an den guten Ergebnissen hat. Die Hereinnahme von Thorgan Hazard brachte in Sinsheim viel Schwung in  Borussias Angriff, und Drmic in der Spitze sorgte für deutlich mehr Durchschlagskraft vor dem Tor. Ähnlich gut wirkten sich Schuberts Wechsel auch gegen Hannover und Sevilla aus.
  
Dieses 3:3 gehört definitiv zu den Spielen, die eine Mannschaft reifen lassen, mehr als ein überlegener Sieg oder eine unglückliche Niederlage. Wenn man wie gestern eine richtig gute Partie abliefert, Nackenschläge wegsteckt und nach einem 1:3 gegen einen konterstarken Gegner noch den Ausgleich schafft, dazu noch mit blitzsauber herausgespielten Treffern: Da kann nur sagen: Hut ab vor dieser Willensleistung. Diese Mannschaft, so sieht es aus, ist intakt und gefestigt, jeder kämpft für den anderen und bügelt Fehler wieder aus. Zu sehen war das sehr gut nach dem Stindl-Fehlpass zum 1:3. Kein Vorwurf, sondern Aufmunterung und das klare Zeichen - es geht weiter, Jungs!

Wenn man mit dieser Einstellung, mit dem Vertrauen in die eigenen Stärke und dem Wissen um die vorhandenen Schwächen, das nächste Spiel angeht, mit einem ausverkauften Borussia-Park im Rücken - warum sollte da nicht auch gegen die Bayern etwas drin sein? Verlieren kann man ja eigentlich nichts: Alles andere als eine Niederlage wäre gegen die ungeschlagene Tormaschine aus München schon ein Riesenerfolg.


Bundesliga 2015/16, 14. Spieltag: TSG Hoffenheim - Borussia Mönchengladbach 3:3 (28.11.15)
(Tore für Borussia: 0:1 Johnson, 3:2 Drmic, 3:3 Johnson)

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