Den Frust abgeschüttelt

Vier Tage hatte die Mannschaft von Dieter Hecking, um sich die Enttäuschung und den Frust über das Scheitern im Pokalhalbfinale aus den Klamotten zu klopfen. Schließlich geht es auch nach diesem Elferdrama für den VfL noch um viel in dieser Saison. Und Hut ab - die Mannschaft hat einmal mehr Format und Charakter bewiesen und trotz der Personalnot ein hervorragendes Auswärtsspiel abgeliefert.

Ok, Mainz war nur in den letzten 20 Minuten der erwartet (abstiegs-)kampfbereite Gegner, und da wurde es prompt für die müder werdenden Fohlen auch noch einmal unnötig eng. Das war möglicherweise ein bisschen der unfreiwilligen Sonderschicht am Dienstagabend geschuldet, ganz sicher aber der Tatsache, dass es Stindl und Co. einmal mehr nicht gelang, mit einem einzigen schlau ausgespielten und erfolgreichen Konter den Deckel auf die Partie drauf zu machen. So fiel noch das unnötige Anschlusstor, dass sich gleichwohl irgendwie schon angekündigt hatte. Unter dem Strich aber gab es am verdienten Sieg der Borussia nichts zu rütteln. Gladbach hatte das Geschehen über weite Strecken der Partie im Griff, natürlich auch dank des 2:0 gleich nach zu Wiederbeginn. Das ließ die Gastgeber doch merklich geschockt zurück.

In Mainz zeigte sich wieder, dass der zweite bis dritte Anzug der Mannschaft passen kann, solange es nicht gegen übermächtige Gegner geht. Nico Schulz war natürlich der verdiente Held des Tages mit einem Tor und einem Assist. Aber es war sein ganzer souveräner Auftritt, defensiv wie offensiv, der richtig Freude machte. Mit diesem Backup kann Oscar Wendt beruhigt seine Verletzung auskurieren. Mit Blick auf die neue Saison wird es spannend, wer sich dort am Ende als Stammspieler durchsetzen wird - sofern dann beide gesund bleiben.

Hinter Schulz' Leistung - man gönnt es ihm nach der langen Anlaufzeit bei Borussia natürlich ganz besonders - mussten sich heute aber auch der frühere Mainzer Jonas Hofmann und Laszlo Benes nicht verstecken. Beide spielten stark und bis auf einzelne Szenen sehr überlegt. Bei Hofmann hat man ohnehin im Moment das Gefühl, dass er überall auf dem Platz auftaucht. Mit erneut deutlich über 12 Kilometern Laufleistung war er auch heute wieder der Fleißigste in dieser Disziplin.

Überhaupt funktionierten die Pärchen heute ziemlich gut, vor allem in der Defensive: Das gewagte Sechser-Doppel Dahoud/Benes harmonierte im Laufe des Spiels immer besser, manchmal nehmen die Jungs aber doch noch zu viel Risiko, wobei Mo Dahoud auch heute hier eher noch etwas gehemmter wirkte. Über außen harmonierten die Flügelpaare Hofmann/Schulz und Herrmann/Elvedi sehr gut, sie nahmen die Mainzer Gegenüber weitgehend aus dem Spiel. Nur de Blasis machte den Borussen auf der linken Abwehrseite am Ende des Spiels ziemlichen Ärger. Das hätte auch schief gehen können.

Was bleibt noch von einem gelungenen Auswärtsausflug? Die ersten Bundesligaminuten von Djibril Sow und die überraschende Nominierung von U23-Stürmer Mike Feigenspan. Und, so bleibt zu hoffen, keine weiteren Verletzten - auch wenn Lars Stindl und auch Yann Sommer während des Spiels angeschlagen wirkten. Hoffen wir, dass jetzt mal Schluss ist mit dieser Seuche.

Wie in einer verkehrten Welt müssen wir uns als VfL-Fans allerdings beim Blick auf die Auswärtstabelle unter Dieter Hecking vorkommen. Wettbewerbsübergreifend 8 Siege, 3 Unentschieden und 2 Niederlagen in der Fremde, das passt überhaupt nicht zum traditionellen Gladbacher Ruf als netter Gast und Punktelieferant. Zwei Auswärtssiege im DFB-Pokal gab es, einen Sieg und ein Remis in der Euro League und immerhin 5 Siege und 2 Punkteteilungen bei Niederlagen in Hamburg und Hoffenheim. Das ist bemerkenswert.
Leider genauso bemerkenswert wie die im gleichen Zeitraum eingeschleppte Heimschwäche. Nur 3 Siegen und einem Remis stehen 5 Pleiten im Borussia Park gegenüber. Da können wir fast froh sein, dass der VfL in diesem Jahr (inklusive des letzten Hinrundenspiels in Darmstadt) 13mal auswärts antreten musste und nur 9mal im eigenen Stadion. Zum Vergleich: André Schubert stand wettbewerbsübergreifend im eigenen Stadion bei 6 Siegen, 5 Unentschieden und 3 Niederlagen, auswärts gelangen mit ihm aber nur drei Siege und ein Remis bei 8 verlorenen Spielen.

Noch ein bisschen mehr Zahlenspielerei gefällig? Fest steht schon jetzt, dass Hecking in bisher 21 Spielen mit Gladbach in den drei Wettbewerben mit umgerechnet 36 Punkten mehr sammelte als sein Vorgänger. André Schubert musste nach 33 Punkten aus 26 Spielen gehen. Die Ausbeute der letzten drei Spiele zeigt dementsprechend, ob der neue Trainer in der Punktestatistik dieser Saison etwas besser oder erheblich besser abschneidet als sein Vorgänger. André Schubert blieb bei 1,27 Punkten pro Spiel stehen, Hecking steht derzeit bei einem Schnitt von 1,71. Kommt aus den letzten drei Spielen kein Punkt mehr dazu, fiele dieser Wert auf 1,5. Bei der vollen Punktausbeute kann der Trainer auf 1,87 Punkte pro Spiel kommen.

Dieser Wert wird ihm natürlich herzlich egal sein, ob Borussia nun am Ende noch einen der europäischen Plätze einfährt oder nicht. Seit heute sieht es dafür auch wieder besser aus. Deshalb geht der Blick natürlich auch nicht mehr so sehr nach hinten in der Tabelle wie noch vor ein paar Wochen. 
Dabei ist dieser Blick gerade heute lohnenswert. Denn seit heute kann Borussia nicht mehr direkt absteigen. Wenn Augsburg das ausstehende Spiel am Sonntag gegen Hamburg verliert, ist auch die Relegation nicht mehr möglich. Verliert der HSV, ist aber auch dieses Szenario - bei 9 Punkten Vorsprung auf Platz 16 - nurmehr theoretischer Natur.
Herzlichen Glückwunsch zum Klassenerhalt also! Klingt komisch, aber manchmal lohnt es sich, nochmal ein paar Monate zurückzuspulen. Da war uns diese Angst durchaus näher, als es uns lieb war. 
Mit dem Sieg heute hat der VfL gleichwohl wieder alle Chancen, die Saison doch noch mit einem internationalen Startplatz zu krönen. Und über diese Spannung zum Saisonende kann ich mich richtig freuen. Und wenn es nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter - natürlich nur, solange wir die Ziegen aus K. am Schluss hinter uns lassen.

Bundesliga 2016/17, 31. Spieltag (29.4.17): FSV Mainz 05 - Borussia Mönchengladbach 1:2 (Tore für Borussia: 0:1 Stindl, 0:2 Nico Schulz)


  




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