Fisch oder Fleisch?


Am Ende wird abgerechnet. Und es gibt nach wie vor die Chance, dass der VfL nach 34 Spieltagen einen Europacup-Platz erobert hat, nach einer Saison mit vielen Tiefs und einigen Höhen, vor allem aber einer Spielzeit voller Widrigkeiten. Auch nach dem heutigen Spieltag ist mit Blick auf Platz sechs noch nichts verloren, die Konkurrenz punktet bislang auch nur unterdurchschnittlich. Nach hinten sollte trotz der zweiten Niederlage hintereinander nichts mehr anbrennen.

Die Mannschaft von Dieter Hecking kann also eigentlich fast nur noch gewinnen und könnte demnach befreit aufspielen. Leider merkt man davon in entscheidenden Szenen nicht immer etwas. Die leichten, teilweise unerklärlichen Fehler und Ballverluste häufen sich, und sie führen zu fatalen Gegentoren. Von der Stabilität, die die wahre Borussia nach dem Trainerwechsel ausgezeichnet hat, ist nicht mehr viel übrig. Und so ehrenwert das ist, bis zum Schluss mit offenem Visier voll auf Sieg zu spielen: Wenn man nach Hoffenheim zum zweiten Mal in einer Woche dafür bestraft wird, ist das bitter und dann eben auch nicht so clever.

Natürlich, Dortmund war heute insgesamt der verdiente Sieger, unsere Borussia verschenkte die erste Halbzeit mit fahrigem, passivem und langsamen Aufbauspiel und konnte heilfroh sein, mit einem 1:1 in die Pause zu gehen. Doch nach dem Wiederanpfiff drehte sich der Wind. Stindl und seine Mitstreiter waren aggressiver, schneller und druckvoller, das beeindruckte die Dortmunder. Die Leistungssteigerung wurde früh mit der zwischenzeitlichen Führung belohnt, die sich die Mannschaft verdient hatte, auch wenn das Tor etwas glücklich zustandekam.
Doch dann wechselte der BVB folgerichtig Aubameyang für Reus ein, und Gladbach spielte mit dem Feuer. Anstatt die Räume hinten zu verdichten, ließ man sich auf einen offenen Schlagabtausch ein, bei dem die schnellen Dortmunder sichtbar und voraussehbar im Vorteil waren. Dass beim 2:2 ein leichter Ballverlust durch Vestergaard und ein Stellungsfehler von Christensen die vielleicht entscheidende Rolle zukam, soll Aubameyangs Torabschluss nicht schmälern - er wäre aber zu verhindern gewesen. Eher jedenfalls als das blöde 2:3, das einfach schwer zu verteidigen ist. Fouls und Freistöße in dieser Region allerdings sollten unbedingt vermieden werden, in dieser Szene hat sich der ansonsten gute Jonas Hofmann leider nicht sehr geschickt angestellt, auch wenn sein Gegenspieler schon sehr gewollt fiel.

Was nimmt man also mit aus diesem Spiel? Dass der Klassenunterschied zwischen den Borussias diesmal nicht so groß war. Dass der VfL in einer Woche die gute Ausgangsposition nach dem Derby trotz der Schwäche der Euro-Konkurrenten nicht nutzen konnte. Und das, obwohl in beiden Spielen mehr drin war - das ist ja nicht selbstverständlich, wenn man gegen den Dritten und Vierten der Tabelle antreten muss.
Es ist nach 8 Gegentoren aus zwei Spielen aber zugleich zu befürchten, dass Konzentration und Kräfte im Endspurt einer schwierigen Saison nicht mehr ausreichen, auch weil nach wie vor Herzstücke der Mannschaft nicht einsetzbar sind. Das sieht man an einem Tobi Strobl, der sichtbar alles gibt, aber auch an Grenzen stößt. Das sieht man an André Hahn, der sich heute mal wieder ins Spiel hineingebissen hat und am Ende mehr gute als schlechte Szenen in der Bilanz stehen hatte - der aber lange nicht so effektiv ist, wie er sein müsste. Das sieht man an Nico Elvedi, dem die Selbstverständlichkeit aus den starken Spielen des vergangenen Jahrs in vielen Szenen fehlt. Es fällt an Traoré und Herrmann auf, die noch nicht wieder bei 100 Prozent sind. Und, und, und...

Dazu die vielen immer wieder verletzt fehlenden Stammkräfte, das sind ausreichend viele Gründe, warum der VfL im Moment nicht die großen Ziele haben kann. Und das gilt es wohl auch für uns Fans zu akzeptieren. Denn auch wenn unter Hecking eine für uns bemerkenswerte Auswärtsstärke zu Buche steht - wer zuhause so viele Punkte abgibt wie Gladbach, kann auch nicht besser stehen als wir derzeit. Wenn man ehrlich ist, ist es ein Wunder, dass man mit 39 Punkten und 11 Siegen aus 30 Spielen überhaupt noch eine Chance auf einen internationalen Startplatz hat. 

Auch wenn die verbleibenden Gegner in der Liga vom Namen her leichter sind als die jüngsten Aufgaben: Für drei von ihnen geht es wohl bis zum Saisonende ums Überleben in der Liga. Sie werden es dem VfL also nicht leichter machen als der BVB oder Hoppelheim. Und da kein direkter Konkurrent um die Euro-League-Plätze mehr geschlagen werden kann, kann Borussia das Geschehen vor sich auch nur noch bedingt selbst beeinflussen

So ist das eben. Insofern ist für mich ab heute - obgleich möglich - nicht mehr länger die Europa-League-Qualifikation der Maßstab für eine gelungene Saison, sondern der berühmte einstellige Tabellenplatz in Verbindung mit dem Erreichen des DFB-Pokalfinales. Das sind Ziele, die realistisch sind und mit denen die Mannschaft einen großen Kraftakt nach der verpatzten Hinrunde angemessen zuende bringen könnte. Und wenn dann doch mehr herausspränge - sehr gern

Eins muss ich aber jetzt doch noch sagen, zu den inzwischen teilweise absurden Debatten über Spielszenen, die bei Sky oder anderen Sendern mittels "Videobeweis" und sogenannter Experten geführt werden. Dass der Elfmeter gegen den VfL mal wieder keiner war - ok. Da kann sich auch nach der sechsten Wiederholung keiner etwas für kaufen, auch der Schiri nicht. Dass aber bei Sky ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob vor dem 2:2 ein BVB-Spieler das Abseits aufhob, weil er mit den Füßen nicht auf der Torlinie stand, zeigt, wie irrsinnig diese Form von Spielanalyse geworden ist. Man kann Schiedsrichtergespannen ja viele Dinge vorwerfen, manchmal auch zu Recht. Aber wie sie so etwas sehen sollen, ist mir schleierhaft. Abgesehen davon, dass eine "Abseitsstellung" durch solche "Umstände" dem Sinn der Regel völlig zuwiderläuft - dass sich nämlich der strafbar im Abseits stehende Spieler dadruch einen Vorteil verschaffen könnte - es ist einfach eine realitätsferne Diskussion, die da zunehmend von den Besserwissern mit den Zeitlupen und Standbildern geführt wird. 
Wenn demnächst der Videobeweis kommt und ernsthaft ein solches Tor nicht gegeben würde, dann höre ich auf, Fußball zu gucken. Das wäre dann nur noch albern.

Bundesliga 2016/17, 30. Spieltag (22.4.17): Borussia Mönchengladbach - Borussia Dortmund 2:3 (Tore für Borussia: 1:1 Stindl, 2:1 Eigentor)

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