2020-12-05

Erwartet unerwartet

Es ist zwar blöd, wenn man mal so völlig ohne Erwartungen in ein Bundesliga-Spiel geht. Aber weil man dann nur positiv überrascht werden kann, lässt sich das Spiel dann auch weit entspannter anschauen. Das habe ich heute für Euch ausprobiert.

Klar, die Geschichten sind bekannt: In Freiburg ist für Borussia nix zu holen, egal ob man schlecht spielt oder gut - wobei letzteres dem VfL im Dreisamstadion allerdings deutlich seltener gelungen ist. Heute war das so ein bisschen von beidem - allerdings aus Gründen.
Dazu kam, dass ausgerechnet hier der Schiedsrichter angesetzt wurde, bei dem bei Gladbachfans schon vorher alle Sicherungen durchbrennen können: Tobias Stieler, der uns in der Vergangenheit des öfteren übel mitgespielt hat.
Und zu guter Letzt war da der Abwehrspielernotstand, der nicht nur dafür sorgte, dass die eingespielte Mittelfeldzentrale Kramer/Neuhaus auseinandergerissen wurde, sondern der zugleich verhinderte, dass auch mal ein Durchspieler wie Ginter oder Neuhaus (oder Lainer und Kramer) eine verdiente Erholungspause bekommen konnte.

Vor diesem Hintergrund kann ich mit dem Punkt heute sehr gut leben - und noch mehr, wenn man den Spielverlauf an sich betrachtet.  

Freiburg erspielte sich weit mehr gute bis erstklassige Einschuss-Chancen und war vor allem in der ersten Hälfte deutlich besser als die Fohlenelf. Die Mannschaft von Christian Streich wirkte frischer und lief die Notabwehr mit Aushilfe Chris Kramer immer wieder aggressiv und geschickt an, sodass Borussia zunächst überhaupt nicht geordnet nach vorne kam. Wenn das doch mal gelang, sah das im Direktspiel sogar ganz gut aus. Es wurde aber immer durch irgendein unkonzentriertes Zuspiel in der gegnerischen Hälfte dann wieder verschenkt.
Nur einmal kam der VfL zügig durch und erzielte nach einem sehenswerten Tiki-Taka-Spielzug prompt durch Breel Embolos erstes Saisontor in der Liga auch die bis dahin eher schmeichelhafte Führung, die Freiburgs Torwart Florian Müller mit einer seltsamen Nichtreaktion noch begünstigte.

Es war aber schon da zu ahnen, dass dieses Spiel noch viel mehr zu bieten haben würde. Und das auch bei den Toren das letzte Wort nicht gesprochen war. Die Breisgauer kamen noch vor der Halbzeit, begünstigt durch Gladbacher Stellungsfehler bei der Abwehr eines Eckballs zum verdienten, aber ziemlich unnötigen Ausgleich. Und nach der Pause nutzte der Ex-Borusse Grifo einen Foulelfmeter zur Freiburger Führung. Es war einer der Elfmeter, die völlig unstrittig sind, für die der Abwehrspieler - hier Lainer - aber eigentlich nichts kann, weil er keine aktive Bewegung macht, den Gegner aber trotzdem am Fuß trifft.

Das wiederum beschäftigte die Spieler des VfL überraschenderweise nur kurz, in dem jetzt sehr offenen Spiel setzten sie selbst den nächsten Glanzpunkt. Fast im Gegenzug traf Alassane Plea mit einem schönen Weitschuss in den Winkel zum 2:2-Endstand. Im Anschluss ließen die Gastgeber erneut größte Chancen aus, Gladbach hätte durch Patrick Herrmann zweimal Eiseskälte im Abschluss beweisen können. Doch einmal bekam Müller noch die Hand an den Ball, beim zweiten Mal zielte Flaco nach einem Freiburger Fehlpass aus gleicher Position im Strafraum Zentimeter neben das Tor. Insgesamt muss man einfach sagen: Auch wenn beide Mannschaften - den Chancen nach - das Spiel hätten gewinnen können oder müssen, war das Remis das gerechteste Ergebnis. Es hilft nur beiden nicht viel weiter.

Wir müssen im Moment akzeptieren: Die Bäume wachsen für Borussia immer noch nicht in den Himmel - vor allem nicht in dieser über-anstrengenden Phase der Saison, und besonders nicht in der Bundesliga. Das ist noch nicht besonders tragisch, weil immer noch erst 10 Spiele gespielt sind.
Das Pech mit den Ausfällen in der Abwehr ist eine Sache,
die man heute sicher strafmildernd anführen muss. Da stimmte dann einfach in vielen Mannschaftsteilen die Feinabstimmung nicht.
Das
andere sind leicht überspielte Leistungsträger, von denen heute aus meiner Sicht vor allem Flo Neuhaus auf der letzten Patrone daherkam. Dennoch initierte er noch viel, unter anderem mit einem weiteren Monsterpass die erste Chance von Patrick Herrmann.
Denis Zakaria zeigte bei seinem ersten längeren Auftritt im Mittelfeld nach seiner Verletzung schon wieder einiges von dem, was wir von ihm kennen und lieben. Aber auch er stieß physisch an Grenzen. Er braucht einfach noch ein paar Spiele bis zum Vollgas-Modus.
Dabei muss man sagen, dass auch Laszlo Benes, der für den Schweizer in der zweiten Halbzeit zum Einsatz kam, seine Sache sehr gut machte, nicht nur bei den Standardsituationen vorne.
Völlig unbeeindruckt von allen Strapazen der letzten Wochen scheint allein der vorbildliche Kapitän das Spielfeld umpflügen zu können. Selbst bei Stefan Lainer sieht man Ermüdungserscheinungen - bei Lars Stindl nicht. Sensationell.

Das alles - auch das mutige Spiel nach vorn bis zum Schluss - hat heute nicht für mehr gereicht. Aber eben auch nicht für weniger. Letzteres lag auch an der Klasseleistung von Yann Sommer, der seine Mannschaft immer wieder im Spiel hielt. Ersteres lag wiederum auch daran, dass man den Schwachpunkt der Freiburger Mannschaft - den Torwart - zu wenig beschäftigen konnte. Nach allem, was ich von Florian Müller in letzter Zeit in Mainz und Freiburg gesehen habe, ist er einer der schwächsten Torleute der Liga (was er nicht immer war). Doch Borussia war kaum in der Lage, ihn im Pressing unter Druck zu setzen. Und auch die Gladbacher Torschüsse wurden oft noch von Abwehrbeinen abgeblockt, sodass Müller sich nicht besonders auszeichnen musste. Die Torschuss-Statistik spricht auch da Bände. Sie lautete am Ende 22:12 für Freiburg.

Aber auch hier gilt vielleicht, dass es heute gar nicht darum gehen konnte, den Gegner in Grund und Boden zu rennen, was gegen die kampfstarken Freiburger ohnehin ein aussichtsloses Unterfangen wäre. Es ging darum gut durchzukommen - mit einer Mischung aus viel Aufwand und dem gleichzeitigen Bemühen, keine weiteren Verletzten einzusammeln und dem einen oder anderen Spieler dann dennoch auch ein paar Minuten Erholung gönnen zu können.
Das wäre dann letztlich so gelungen, wie es das Ergebnis aussagt: mittel.

Kommen wir zum Schluss noch zu Sportsfreund Stieler. Auch hier bin ich heute vergleichweise entspannt. Es war eine vergleichsweise akzeptable Leistung des Unparteiischen, weil der das Spiel diesmal nicht wesentlich beeinflusste. Er lag sowohl zu Lasten der Freiburger als auch zu Lasten Borussias in der Zweikampfbewertung mehrfach klar daneben, ohne dass das aber für die Teams gravierende Folgen hatte. 

Zu seinem Ruf als eitler Fatzke passte allerdings die Schluss-Szene. Da ließ er schon den zweiten heftigen Ellbogenschlag eines Freiburgers (hier Petersen) an diesem Nachmittag ohne Verwarnung durchgehen, nachdem er in Hälfte eins Florian Neuhaus nach einem völlig sauberen Tackling Gelb gezeigt hatte. Egal.
Doch als sich SC-Trainer Streich - in dieser Szene zu Unrecht - am Seitenrand über Stielers Foul-Pfiff aufregte, lief Stieler oberwichtig raus, mit der klaren Absicht, den Trainer zu verwarnen - aber nicht, ohne dies dann vorher noch ausgiebig zu diskutieren. Dann entfernte er sich ein paar Schritte, um nochmals zurückzukommen und anzudeuten, dass er ihm auch gleich Rot geben könnte, wenn er weiter mosert (woran erinnert uns das nur?).
Damit verplemperte der Referee aber vor allem eine gute Minute der dreiminütigen Nachspielzeit. Doch als Gladbach den Freistoß zur vielleicht letzten Torchance nach vorne schlug, pfiff er das Spiel pünktlich ab, noch während der Ball in der Luft war - was selten gesehene Beschwerden einer ganzen Gruppe Gladbacher inklusive Torwart Yann Sommer zur Folge hatte. Das blieb natürlich erfolglos, endete aber auch zum Glück auch nicht noch mit weiteren Verwarnungen wegen Majestätsbeleidigung. 

Also, machen wir schnell den Deckel drauf auf dieses Spiel und beenden damit hoffentlich auch das unschöne Kapitel der unerquicklichen Borussia-Geschichte im Schwarzwaldstadion an der Dreisam. Zwar auch heute nicht mit einem Erfolgserlebnis, aber mit der Hoffnung, dass es im neuen Schmuckkästchen des SC Freiburg ab nächster Saison dann besser läuft für den VfL.

Bundesliga 2020/21, 10. Spieltag: SC Freiburg - Borussia  Mönchengladbach 2:2. Tore für Borussia: 0:1 Embolo, 2:2 Plea.

Saisonspende: Die beiden Tore von heute knacken die 50-Euro-Marke. Nach einem knappen Drittel der Saison sind stolze 50,50 Euro im Spendentopf. Danke, Jungs! Da gute Zwecke immer Geld benötigen und nicht erst, wenn die Saison vorbei ist, habe ich mich entschlossen, diese ersten 50 Euro auch jetzt schon zu spenden. Erspielt ist schließlich erspielt.

Ich teile auf und überweise das Geld an zwei Projekte, bei denen ich die Organisatoren persönlich kenne und daher sicher sein kann, dass das Geld 1:1 in die Hilfe fließt. Zum einen ist das ein Waisenheim in Kenia, für das sich meine Kollegin Nadine Weigel aufopferungsvoll einsetzt (MiRo-Heim). Das andere ist eine Flüchtlingshilfsorganisation auf der griechischen Insel Chios, die von einem Marburger Pfarrer gegründet wurde (Offene Arme) und die unter anderem mit Freiwilligen vor Ort ankommende Bootsflüchtlinge mit dem Nötigsten ausstattet und unterstützt - auch gegen viele Widerstände.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

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