2020-12-12

Kompromiss-Fußball

Wieder kein Heimsieg gegen einen vermeintlich leichten Gegner, wieder nicht der Glanz, den wir von unserer Mannschaft auch in dieser Saison schon gesehen haben. Ich werde deshalb heute mal etwas grundsätzlicher. Warum? Weil mancher Fan, wie man in den sozialen Medien lesen muss, schon mit ängstlichen Blicken nach unten schaut oder mit Unverständnis oder blanken Nerven auf diverse Punktverluste reagiert - wo die Rose-Elf doch in der Champions League schon zu viel besseren Leistungen fähig war. Aber es ist wohl so: Die Milchmädchenrechnung ist eben auch im Fußball nicht auszurotten.

Klar, Unentschieden sind immer irgendwie komisch - nicht Fisch, nicht Fleisch, jedenfalls kein klares Ergebnis, mit dem man etwas anfangen kann. Man verliert im schlechten Fall gegenüber Konkurrenten Boden in der Tabelle, jedenfalls kommt man nicht von der Stelle. Und man hat immer das Gefühl, etwas verloren zu haben, nämlich Punkte, die einem vielleicht am Ende fehlen werden.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass ein einziger gewonnener Punkt, zum Beispiel der von heute, am Ende genausogut den Ausschlag für eine bessere Platzierung geben kann. Aber auch das wissen wir heute natürlich noch nicht, und deshalb machen wir uns natürlich immer Sorgen. Aber müssen wir das wirklich?

Der VfL hat in dieser Bundesliga-Saison bislang fünfmal mit dem Gegner die Punkte geteilt. Mit dieser für Gladbach-Fans in den vergangenen Jahren eher seltenen Häufung steht der Verein in der Liga aber längst nicht allein. Frankfurt (7 Remis), Wolfsburg (6) sowie Union, Stuttgart, Freiburg und Bremen (je 5) teilen unser Schicksal. Und weil das so ist, steht keine dieser Mannschaften ganz vorne. Aber es ist auch keine chancenlos abgeschlagen, wenn man mal auf europäische Startplätze schielt. Wolfsburg hat vier Punkte vor dem VfL, Stuttgart und Union, wir haben vier Punkte auf Frankfurt und Freiburg liegt auf Platz 14 zwei Punkte hinter der Eintracht. Das heißt, nach einem Drittel der Saison ist Freiburg sechs Punkte oder zwei Siege von einem Euro-League-Platz entfernt. 

Borussia wiederum hat sieben Punkte Rückstand auf Tabellenführer München, fünf auf den Dritten Leverkusen und vier auf Wolfsburg. Zu vergeben sind ab heute aber noch 69 Punkte. Und damit komme ich auf meinen Punkt: 

Ja, es läuft nicht alles so glatt wie schon mancher Zauberangriff von Plea, Thuram und Co. in dieser Runde. Aber: Es gibt keinen Grund für irgendwelche Panikschübe. Und es gibt absolut keinen Grund, irgendetwas schlechtzureden, was nicht schlecht ist. Borussia ist voll im Soll. Unser Herzensziel, die Gruppenphase der Champions League zu überstehen, ist erreicht - mit Herz, Können, bezauberndem Fußball und auch einer gehörigen Portion Glück. 

In der Liga steht das Team stabil, mit deutlich mehr Höhen als Tiefen, wohl aber mit schwankenden Leistungen. Nicht einmal aber war die Rose-Elf komplett chancenlos, so wie es am Mittwoch in Madrid war. Sie hat unter dem Strich mehr Punkte leichtfertig verschenkt als glücklich gewonnen. Das ist vielleicht ärgerlich, aber besser als umgekehrt. Und sie hat dabei immer genug gute Torchancen herausgespielt, auch wenn diese oft nicht genutzt wurden. Keine unwichtige Erkenntnis. Denn dies zeigt, dass die Spielidee und die Mannschaft funktionieren.

In der kommenden Woche schließlich steht im DFB-Pokal eine nicht zu unterschätzende, aber lösbare Aufgabe an. Einen Sieg vorausgesetzt, würde Borussia auch im kommenden Jahr noch in drei Wettbewerben vertreten sein. Das wäre ein großer Erfolg. Um den zu erreichen, muss aber die Mannschaft auch im letzten Spiel des Jahres kurz vor Weihnachten so fit und perfekt eingestellt sein, dass sie nicht doch noch stolpert. Mehr noch: Da es keine richtige Pause zwischen den Jahren gibt und das nächste Bundesligaspiel schon am 2. Januar ist, muss das in der Belastungssteuerung der Spieler auch jetzt schon berücksichtigt werden. Denn in den vergangenen Wochen blieb kaum eine Möglichkeit für eine gepflegte Rotation im Kader.     

Das Trainerteam tat also gut daran, heute so stark zu rotieren, wie es vertretbar war. Durch Yann Sommers Verletzung kam Tobi Sippel ins Tor und zeigte, dass wir uns über diese Position den Kopf nicht zerbrechen müssen. In der Innenverteidigung ist ein personeller Austausch dagegen gerade kaum möglich. 

Dass es diesmal in der Offensive mehr wurde als erwartet, hat natürlich auch damit zu tun, dass schon am Dienstag das Spiel in Frankfurt ansteht und darauf noch eine weitere englische Woche mit den Spielen gegen Hoffenheim und in Elversberg folgt. Bisher gelang es Marco Rose aus verschiedenen Gründen nur, einzelnen Spielern mal eine Partie oder auch nur eine Halbzeit Pause zu gönnen. Insofern wirkte die heutige Aufstellung gewagt, aber nicht undurchdacht. Und auch wenn das Ergebnis nicht das gewünschte war - aus Sicht der Fitness und Gesundheit der Spieler war es unerlässlich. Und natürlich auch, um zu sehen, inwieweit der "zweite Anzug" passt.

Letzteres war offensichtlich nicht wie gewünscht der Fall. Der Angriff mit Herrmann, Wolf, Embolo und Traoré war zwar "stets bemüht", wie es so schön heißt, aber trotz enormem läuferischen Aufwands blieb in der ersten Halbzeit kaum etwas Bemerkenswertes hängen. Das ist schade, vor allem für einen Spieler wie Ibo Traoré, der solche Gelegenheiten besser nutzen müsste, um sich öfter in die Mannschaft spielen zu können. Aber wenn man sieht, wie wenig Spielzeit er in den vergangenen Monaten im Gegensatz zu Herrmann, Wolf oder Lazaro hatte, kann man auch keine Wunderdinge von ihm erwarten. Insgesamt wirkte die Offensive zwar besonders in der Anfangsphase wendig, aber gegen die robuste Berliner Defensive etwas "zu leicht" - auch, weil in Embolo nur ein wuchtiger Stürmer auf dem Platz stand.

Jetzt kann man natürlich darüber lamentieren, dass die "ausgeruhten Spieler" ihre Chancen nicht genutzt hätten und der Kader keine große Rotation verträgt. Aber stimmt das? Oder muss man im Wissen um die Stärken und Schwächen im Kader, aber auch unter Berücksichtigung von Verletzungen und Belastung, in dieser Phase vielleicht einfach damit zufrieden sein, dass diese veränderte Startelf die Hertha wohl nicht dominieren und in ihre Einzelteile zerlegen würde, sondern das Spiel vor allem ökonomisch führen und offen gestalten sollte, um andere Spieler schonen zu können und nur wenn nötig von der Bank bringen zu müssen?

Ich denke, dass es gerade nicht die Zeit ist, um Borussia Barcelona aufleben zu lassen und spielerische Glanzleistungen einzufordern, nur weil wir davon in dieser Saison schon einige gesehen haben. Es ist die Zeit der Schufterei und Quälerei, mit dem Ziel, möglichst ungeschoren durch eine körperlich und mental fordernde Saisonphase zu kommen. Dazu muss man Kompromisse eingehen. Und auch akzeptieren, dass nicht immer alles so läuft, wie man es sich vielleicht in seinen Plänen ausgemalt hat. Ich finde, dass sich die Fohlenelf unter diesen Umständen sehr tapfer schlägt.

Für alles, was nicht klappt (oder mal besser und mal schlechter), gibt es Erklärungen. Spieler, die Zeit brauchen, um sich mit ihren Stärken neu ins Gefüge einzufinden (zum Beispiel Wolf, Lazaro), Spieler, die (in manchen Phasen, nicht durchweg) überspielt wirken wie Ginter, Neuhaus, Thuram oder Lainer. Spieler, die in manchen taktischen Aufstellungen und gegen manche Gegner gut funktionieren, gegen andere aber nicht so gut (Wendt). Und Spieler, die aus langen Verletzungen kommen oder sehr wenig Spielpraxis haben und daher nicht die Form haben, um sofort so zünden, wie es vielleicht notwendig erscheint (wie Traoré oder Benes). 

Und damit bin ich dann auch endlich beim heutigen Spiel angekommen.

Denn die erste Hälfte gegen die Hertha war eine der fehlerhaftesten Leistungen, die ich von zwei Mannschaften seit langem gesehen habe. Gute Ansätze waren zwar bei beiden Teams da, sowohl bei den Gästen als auch bei der Rose-Elf. Aber die wurden mit einer eklatanten Fehlpassquote hüben wie drüben wieder zunichtegemacht, was das Spiel eher unansehnlich machte. Die zweite Halbzeit bot da deutlich mehr, für beide Trainer aber sicher zu viel des offenen Schlagabtauschs.

Dennoch lässt sich aus meiner Sicht für Borussia viel Gutes aus dem Spiel ziehen. Anders als gegen Freiburg und Real blieben Großchancen des Gegners diesmal Mangelware. Das Gegentor fiel aus einem individuellen Fehler, dem Ballverlust von Denis Zakaria am eigenen Strafraum. Das sollte nicht, kann aber mal passieren. Und bei einem Spieler, der sich nach acht Monaten Verletzungspause erst wieder an die frühere Topform heranarbeiten muss, sollte man diesen Fehler zum 0:1 auch nicht überbetonen.
Demgegenüber waren die Torchancen der Borussen - vor allem der blitzsauber herauskombinierte Ausgleichstreffer - von anderer Güte. Ginter und Co. ließen sich vom Rückstand in keiner Weise verunsichern und starteten danach sogar die beste Phase im Spiel, in der sie die Berliner Defensive gehörig ins Schwimmen brachten. 

Dass der VfL stärker aufkam, war natürlich vor allem den personellen Änderungen nach einer Stunde zuzuschreiben. Thuram, Plea und Lainer brachten mehr Wumms in die Angriffe. Aber es ist klar, dass sie dies wohl kaum über komplette 90 Minuten so hätten bringen können.

Aber dass es in den ersten 45 Minuten eher wenig Spaß machte, das Spiel zu verfolgen, lag auch nicht nur an den "Neuen" im Team. Spieler wie Flo Neuhaus und Matthias Ginter spielen zwar immer solide und haben in jedem Spiel auch außerordentlich gute Ideen und Momente, wie heute bei ihrer Zusammenarbeit vor dem 1:1 oder in einigen ganz starken Zweikämpfen, die Flo in Bedrängnis für sich entschied. Man sieht ihnen in einigen Aktionen aber auch an, wie dringend sie beide eine Erholungspause bräuchten. Bei Flo Neuhaus waren das heute zum Beispiel zwei grobere Fouls, bei denen er einfach zu spät reingrätschte. Das waren keine bösen Aktionen, aber einfach Unkonzentriertheiten und falsche Entscheidungen. Er hatte etwas Glück, dass er dafür nur eine Karte sah. Diese verschafft ihm allerdings nun doch ein Spiel Pause, weil es ärgerlicherweise die 5. Gelbe Karte war.     

Mit Blick auf Dienstag wird es spannend sein, ob Yann Sommer länger ausfällt. Ich habe wie gesagt großes Vertrauen in seinen Vertreter Tobias Sippel, der sich heute schnell auf Wettbewerbstemperatur einfand, aber auch etwas weniger ins Spiel eingebunden war als es der "Libero" Sommer normalerweise ist.
Das muss aber kein Nachteil sein, weil es die Innenverteidiger und den oft zurückgezogenen Sechser auch dazu bringt, das Spiel öfter schnell nach vorne zu eröffnen und weniger oft den Weg hintenrum zu suchen. Ansonsten halte ich es mit Marco Rose, der jedem seinen Spielern ver- und sehr viel zutraut. Mit dieser Einstellung sind wir bisher blendend gefahren. Auch wenn auf manch großen Schritt nach vorn auch mal ein Schritt auf der Stelle oder sogar zurück folgt. 

Bundesliga 2020/21, 11. Spieltag: Borussia  Mönchengladbach - Hertha BSC 1:1. Tor für Borussia: 1:1 Embolo.

Saisonspende: Ein Törchen von Breel schlägt heute zu Buche, damit steigt der Spendentopf leicht - auf 61 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

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