2021-02-20

Absteigender Astfußball

Na super. Nach dieser Scheiß-Woche war die erneute Heimniederlage gegen unangenehme Mainzer Gäste ja das fast schon erwartbare Unhappy End. 

Herzlichen Glückwunsch an den Ex-Gladbacher Bo Svensson und seine Mainzer Mannschaft. Denn die zeigte heute das, was ich mir eigentlich als Reaktion von meiner Mannschaft erhofft hatte: Biss und Giftigkeit, den Willen, wirklich alle Mittel einzusetzen, um das Spielglück zurückzuholen und die ungute Entwicklung der vergangenen Wochen zu stoppen. Doch neben Lars Stindl und den beiden Innenverteidigern Ginter und Elvedi sind es derzeit zu wenige, die diese Entschlossenheit offenbar über die gesamte Spielzeit auf den Rasen bringen können.

Vier Spiele ist Borussia nun sieglos, und in allen vier Spielen musste man anerkennen, dass der (in drei von vier Fällen spielerisch limitiertere) Gegner die Punkte nicht gestohlen hatte, sondern verdient einsackte.

In all diesen Spielen spielte die Mannschaft nicht einmal besonders "schlecht". Aber sie war meilenweit davon entfernt, dabei mal wieder überzeugend oder richtig gut auszusehen. Über Chancenwucher brauchen wir dieser Tage nicht mehr zu sprechen, weil es - zugebenermaßen gegen sehr eng verteidigende Teams - auch keine Vielzahl erstklassiger Chancen mehr gab. Und der kleine "Joker", die Standardsituationen, stechen nicht mehr so wie in der Vorrunde. Das passiert, solche Phasen laufen mal besser, mal schlechter. Aber es ist lästig, wenn man nicht in der Lage ist, einen Gegner anders zu überwinden.

Aber auch das ist nicht das eigentliche Problem. Das liegt tiefer. Egal, gegen wen es geht: Der Gegner hat gelernt, wie man den VfL im Angriff anlaufen muss, damit Ginter und Co. den schnellen Pass und jedes Risiko gegen umschaltstarke Gegner scheuen. Dann wird quer und zurück gespielt, das Spiel verlangsamt sich, der Gegner kann sich neu ausrichten und die Räume schließen. Ergebnis: Viel Ballbesitz und viele Pässe in ungefährdeten Räumen, aber auch viel verschwendete Spielzeit.

Klar, immer mal wieder gelingt es, mit guten Bewegungen (vor allem Neuhaus) durchs Mittelfeld zu marschieren oder zu kombinieren. Aber der Dauerstress, den die Gladbacher Offensive ihren Gegnern im vergangenen Jahr sonst oft gemacht hatte, weil sofort immer wieder steil nach vorne gepasst oder mit aggressivem Pressing Ballgewinne erzwungen wurden, das gelingt nur noch selten.
Es gibt natürlich auch jetzt noch zwingende und gute Spielzüge, und Chancen von der Qualität derer, die heute bei Mainz reingingen, hatte auch der VfL. Die hätten auf der anderen Seite mit etwas Glück also genauso reinfallen können.
Aber es wirkt insgesamt nicht mehr so, als wäre die Mannschaft von ihrem brutal schnellen und begeisternden Spielansatz selbst noch bis ins Letzte überzeugt. Oder man fürchtet wirklich, wie so oft ausgekontert zu werden.

Heute ging es erneut gegen einen tiefstehenden Gegner, einem, dem der neue Trainer abgewöhnt hat, selber zu viel Ballbesitz- und Kombinationsfußball spielen zu wollen. Dafür hat Mainz inzwischen durchaus genug Spieler im Kader, aber es funktionierte vor Bo Svensson ganz offensichtlich nicht, damit auch genug Punkte einzufahren. Die feinen Spielertypen sitzen bei Mainz deshalb inzwischen mehr auf der Bank, als dass sie in der Startelf stehen. Stattdessen wird gnadenlos verdichtet, genervt, geschoben, abgeräumt, und wenn es sein muss, umgetreten. Warum sonst sollte ein Dominik Kohr sonst dort im Mittelfeld rumgrätschen dürfen, wie üblich immer knapp an der Grenze zur Körperverletzung?

Aber: Heute war eben auch gut zu beobachten, wie die Mainzer (alle!) ihren Körper einsetzten. Indem sie sich reindrehten, schoben, blockten und damit den Gegner zu allererst an einer vernünftigen Ballkontrolle hinderten. Das unterband schon oft das, worin die Borussen eigentlich recht gut sind: auch auf engem Raum schnelle Lösungen zu finden und sich in die gegnerische Hälfte zu kombinieren. Pech, wenn man dann einen Schiedsrichter hat, der (wie Markus Schmidt heute) 80 Prozent dieser Zweikämpfe weiterlaufen lässt. Aber es ist weder dagegen etwas zu sagen noch dagegen, dass Svensson seinen Jungs genau dieses simple Spiel eingeimpft hat - "Kratzen und Beißen" und vorne mit wenigen Kontakten und oft nur zwei oder drei Angreifern im Umschaltspiel auch in Unterzahl zum klaren Abschluss zu kommen. 

Auch wenn das Führungstor der Gäste eher zufällig und von Ginter ungewohnt leichtgewichtig verteidigt war: Schon in der ersten Hälfte zeigte sich der FSV auf diese Weise immer mal wieder gefährlich vor dem Tor. Das war da nicht so schlimm, weil die Rose-Elf sich nicht aus der Ruhe bringen ließ und erst mit dem wegen Abseits zurückgenommenen Elfmeter und dann mit Stindls schönem Ausgleich zeigten, dass sie auch selbst den Weg ins Tor finden konnten.

Doch je länger das Spiel lief, desto eindimensionaler wurden die Bemühungen - nicht zum ersten Mal in diesem Jahr. Über die Außen lief wenig, auch weil Lainer und Bensebaini in der Schlussviertelstunde nicht mehr den frischesten Eindruck machten. Und durch die Mitte schien es von Minute zu Minute schwieriger zu werden, sodass lange, aber meist unpräzise Bälle und das Quergeschiebe oft nur als "Auswege" blieben.

Wenig hilfreich war auch, dass Chris Kramer am Tag nach seinem 30. Geburtstag zur Halbzeit gelb-rot-gefährdet in der Kabine bleiben musste. Die Karte war dabei durchaus diskutabel, weil er klar vor dme Gegner den Ball spielte, un ihn erst dann am Knöchel traf. Auch hier wäre es einfach mal schön, wenn Einheitlichkeit bei den Schiedsrichterpfiffen hergestellt würde. Denn gefühlt werden solche Szenen in der einen Woche so entschieden wie heute, manchmal als Foul ohne Karte und in der nächsten Woche dann nicht einmal als Foul gewertet.

Für Kramer kam Denis Zakaria, und er bewies leider einmal mehr, dass er derzeit nicht das anbieten kann, was ihn in der vergangenen Saison zu einem international so begehrten Spieler gemacht hat. Er ist zwar schon deutlich verbessert. Doch Kramer steht nicht umsonst immer wieder in der Startelf, weil er Räume geschickter schließt, als Anspielstation flexibler ist und mit den anderen Spielern um ihn herum einfach besser harmoniert. Das kann man dem Schweizer Zakaria nicht vorwerfen, er muss nach der langen Verletzungspausen und einigen Rückschlägen zuletzt einfach Zeit bekommen. 

Aber gerade im Moment wäre es wichtig, dass Marco Rose auch mal wieder von der Bank einen Siegbringer einwechseln kann. Auch heute verzichtete der Trainer darauf, das volle Kontingent auszuschöpfen und wechselte erst relativ spät - in der Schlussviertelstunde - neue Frische für den Angriff ein. Doch Thuram, Wolf und am Ende Embolo brachten auch heute nahezu keine Wirkung mehr im Spiel. Anders auf der anderen Seite. Da kam der Siegtorschütze Stöger von der Bank, und auch die Einwechslungen von Burkardt, Glatzel und Boetius stellten die Defensive der Borussia vor Herausforderungen.

Am Ende steht erneut ein gerade in der Schlussphase fast schon vorhersehbarer Rückschlag, der genau das Gegenteil von dem bewirken wird, was man sich vom ersten Spiel nach der Klärung der Rose-Zukunft erhofft hatte - einen leistungsmäßigen Befreiungsschlag. Die Kritik am Trainer, an der Mannschaft, an der Vereinsführung wird natürlich nun zunehmen, die Entscheidung, an Marco Rose festzuhalten, wird weiter diskutiert werden. 

Ich werde mich heute daran nicht beteiligen. Ich bin noch zu enttäuscht über den erklärten Weggang ohne vernünftige Begründung (außer dem Kontostand) und über die aus dem Ruder laufenden und nicht selten auch über den Anstand hinausschießenden Reaktionen mancher "Fans". Dennoch gehöre ich nicht zu denen, die Rose jetzt "Dienst nach Vorschrift" unterstellen. Aber mit jedem Spiel, in dem er das Team nicht an seine Leistungsgrenze bringen kann, wird dieser Gedanke sich mehr in die Fanbasis fressen.

Auch heute schien es mir - nicht zum ersten Mal - so, dass das Trainerteam einfach keine rechte Idee hatte, wie man es von außen beeinflussen könnte, die Mannschaft nach der Halbzeit auf die Siegerstraße zu bringen. Zwar war der Ballbesitz hoch (69 Prozent), auch die meisten Zweikämpfe gingen an Gladbach, doch die Laufleistung war heute wieder deutlich unterdurchschnittlich (114 km), und auch weit unter der der Mainzer (118). 

Das sind alles keine neuen Themen. Und dass es anders und besser geht, hat die Mannschaft in dieser Spielzeit schon oft genug gezeigt. Im Moment aber liegt irgendwie ein hemmender Schleier über allem, was da auf und neben dem Platz passiert. Das Team scheint auf einem absteigenden Ast zu sein. Das kann leistungsmäßig schnell wieder vorbei sein. Doch tabellarisch haben die vergangenen vier sieglosen Spiele schon voll durchgeschlagen. Drei Punkte sind es zwar nur bis zum Euro-League-Platz, doch die Champions-League-Plätze sind schon neun Punkte entfernt. Und keiner der dort stehenden Anwärter macht derzeit Anstalten, Schwächen zu zeigen. 

Und nun kommen die richtigen Kracherwochen - mit zweimal Man City und dazwischen Leipzig, Dortmund und Leverkusen. Da kann einem Angst und Bange werden. Vielleicht ist es aber im Gegenteil auch eine gute Nachricht - nach den eher ernüchternden Wochen gegen mehrere relativ begabte Defensivmaurer. Alle dieser kommenden Gegner werden Borussia mehr unter Druck setzen und der Mannschaft deutlich mehr abverlangen. Aber sie bieten auch dort mehr Räume an, wo Stindl, Plea und Thuram etwas mit ihnen anfangen können.

Damit will ich nicht prophezeien, dass es ausgerechnet dadurch ab jetzt aufwärts geht. Denn meine Stimmungslage und meine Beobachtungen weisen momentan eher in die andere Richtung. Aber auch das muss ja nichts heißen. Und ich hoffe natürlich, dass ich nicht recht behalte.  

Bundesliga 2020/21, 22. Spieltag: Borussia  Mönchengladbach - FSV Mainz 05 1:2. Tor für Borussia: 1:1 Stindl.

Saisonspende: Ein Tor im Spiel - das ist so mager wie die Gesamtbilanz des Spiels. Das Spendenkonto steht bei 97,50 Euro.

Zur Erinnerung, darum geht's: Ich spende am Ende der Saison einen Betrag X für einen (oder mehrere) gute(n) Zweck(e), auf den/die ich mich später festlege. Die Spendensumme setzt sich wie folgt zusammen: Jedes erzielte Tor von Borussia in den drei Wettbewerben: 50 Cent. Jedes Tor von Tony Jantschke: 10 Euro. Platzverweis von Max Eberl oder Marco Rose: 2,50 Euro. Gehaltener Elfmeter von Yann Sommer (oder einem Ersatzmann): 2,50 Euro; Zu-Null-Spiel: 1 Euro. Derbysieg gegen K***: 5 Euro. Siege gegen Bayern, Dortmund oder Leipzig: 10 Euro. Ein Sieg in Freiburg oder Wolfsburg: 10 Euro. Tore oder Vorlagen von Gladbacher Spielern in der deutschen Nationalelf: 1 Euro. Erreichen der K.o-Phase und für jede weitere erreichte CL-Runde: 10 Euro. Internationaler Startplatz am Saisonende: 20 Euro. Meisterschaft oder Finalsieg in CL oder EL: 50 Euro. DFB-Pokalsieg: 30 Euro. Gladbacher Torschützenkönig: 30 Euro.

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