2019-04-19

The times they are a changing (I): Jung und erfolgreich

Es ist viel in Bewegung bei Borussia, und das war nicht unbedingt in diesem Ausmaß zu erwarten. In loser Folge will ich mich deshalb unter dem Motto des alten Bob-Dylan-Songs "The times they are a changing" den Herausforderungen widmen, die die Verabschiedung von Dieter Hecking zum Saisonende, die Verpflichtung des gefragten Trainerteams um Marco Rose aus Salzburg und die Veränderungen an anderen Stellen im Verein mit sich bringen könnte - und wohin das möglicherweise führt. 

Beginnen will ich mit der Jugendarbeit im weiteren Sinne, weil ich erwarte, dass dies eine wichtiger werdende Säule sein wird, auf die die neuen Trainer ihre Arbeit aufsetzen wollen. Denn die Investitionen, die der Verein in das erweiterte Internat und die Professionalisierung des Unterbaus investiert, müssen mittelfristig auch in der Profimannschaft ankommen und zu sehen sein. 

 
Dass im Verein gerade einiges umgedreht wird, um das eingesetzte Kapital möglichst sinnvoll in Leistungsträger-Beine zu investieren und die Beine des Nachwuchses so zu trainieren, dass sie später Ertrag für den Verein bringen können, liegt also auf der Hand. Das Nachwuchsleistungszentrum mit dem erweiterten Internat ist teuer, und es muss auf Sicht mehr Erstligaprofis hervorbringen als in den vergangenen Jahren, will es nicht zu einer Alibi-Jugendarbeit werden.

Denn eins ist nicht wegzudiskutieren: Mit dem sportlichen Erfolg wurde es in Gladbach für talentierte Spieler immer schwieriger, sich in der Bundesligamannschaft zu etablieren. Herrmann, Jantschke, Marin, Jansen, ter Stegen etc. fiel das als Teil einer gegen den Abstieg spielenden Mannschaft und eines finanziell nicht auf Rosen gebetteten Vereins deutlich leichter. Heute, wo die Zielsetzungen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen andere sind und Max Eberl deutlich mehr Geld für Neuzugänge zur Verfügung hat als früher, ist die Konkurrenz für die Jungen natürlich entsprechend größer - so wie das Gerangel um die wirklich besten Talente heftiger.

Und das birgt eine ernste Gefahr für Vereine mit einem begrenzten Etat wie Borussia. Schon jetzt sind international für vielversprechende Fußball-Teenager erstaunliche Millionenbeträge fällig, teils bevor diese überhaupt volljährig geworden sind. Dieser Trend wird sich fortsetzen, weil immer mehr große und zahlungskräftige Teams dort mitmischen. 
Nur ein Beispiel ist der FC Bayern, der in seinem Runderneuerungswahn auch bereit ist, Jungprofis ohne Profieinsätze so mit Geld zuzuschmeißen, dass sie selbst in England alle Preise verderben (siehe Hudson-Odoi). Aber auch Gladbach spielt das Spiel auf geringerem Niveau schon mit, wenn man an die 2,25 Millionen Euro denkt, die Borussia für den U23-Spieler von Tottenham auf den Tisch gelegt hat. Solche Summen werden aber möglicherweise nicht mehr lange ausreichen, um "ungeschliffene Diamanten" zu verpflichten.

Die Ablösesummen von "fertigen" Spielern steigen ebenfalls von Jahr zu Jahr. Also ist es folgerichtig, dass Vereine wie Gladbach auch weiterhin den Schritt voraus sind und das Potenzial von Spielern so frühzeitig erkennen, dass diese noch bezahlbar bleiben. 
Der nächste logische Entwicklungsschritt wäre dann - natürlich auf einem bescheidenerem Level als es die englischen Spitzenklubs machen - über den sofortigen Bedarf hinaus junge Spieler zu verpflichten, um sie dann gleich wieder in die zweite Liga, nach Holland oder Belgien zu verleihen und sich dort entwickeln zu lassen. 
Auch Borussia hat von solchen Deals in den vergangenen Jahren schon als annehmender "Entwicklungsverein" profitiert, wenn man zum Beispiel an Havard Nordtveit oder Thorgan Hazard denkt. Die Ausleihe von Florian Neuhaus und jetzt die von Laszlo Benes deutet bereits an, wie es künftig auch in die andere Richtung gehen könnte. Das wäre allemal besser, als einem Spieler wie Julio Villalba nur alle paar Monate mal ein Freundschaftsspiel anbieten zu können, weil er in der U23 nicht spielberechtigt ist und es in den Spieltagskader in der Bundesliga (noch) nicht schafft.

Wie auch immer. An der Schnittstelle zwischen Jugend und Profis tut sich bei Borussia schon einiges. Für den U19-Trainer Thomas Flath kommt ein wohl ebenso erfahrener Trainer - Sascha Eickel aus Braunschweig. Früher war er bereits auf ähnlich hohem Niveau beim BVB tätig. Und in Braunschweig assistierte er zeitweise auch dem uns wohlbekannten Trainer André Schubert. Das klingt insgesamt nach guten Referenzen.
Als Übergangscoach für die Talente verlässt Otto Addo den VfL, er wechselt nach Dortmund. Möglicherweise ist mit Eugen Polanski, der derzeit bei der U23 hospitiert, sogar schon einer im Verein, der diese Ausgabe mit abdecken könnte; wahrscheinlich aber noch nicht allein. Ich kann nicht beurteilen, was die Gründe sind, warum Addo und Flath gehen oder gehen müssen - und ob Eickel die älteste Jugend einen Schritt nach vorne bringen kann, damit wieder mehr Spieler den Weg in den Profikader schaffen. Aber es scheint, als stelle der Verein neue Weichen für einen Weg, von dem er überzeugt ist.

Die Verpflichtung des neuen Trainers spricht dafür, dass ein Weg sein wird, die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis wieder zu erhöhen. Marco Rose ist bei Salzburg als U16-, U18- und U19-Trainer praktisch mit einer Jugendmannschaft mitgewachsen ist und betreut einen Teil dieser Spieler nun auch in seinem Profikader (Hannes Wolf, Xaver Schlager, Patson Daka). Er weiß also ziemlich genau, worauf es ankommt beim Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenfußball.

Fazit: Wer wie Borussia bei der Gewinnung von talentierten Spielern schon immer etwas findiger war als manch zahlungskräftigerer Konkurrent, muss die Entwicklung bei den Spielertransfers mit Entsetzen sehen und: reagieren. Auf Dauer kann ein Verein wie unserer nicht mehr mithalten, wenn er nicht in der Lage ist, Talente noch früher zu finden und länger an sich zu binden. Das Risiko, dass am Ende bei einem überragenden 16-Jährigen dann doch "nur" ein guter Drittligaspieler herauskommt, ist nicht klein. Aber immer noch eine bessere (und günstigere) Alternative, als sich allein vom allgemeinen Transferkarussell abhängig zu machen. Die Verpflichtung von Rose und seinen Co's sowie von Sascha Eickel und den weiteren Umstrukturierungen im Nachwuchbereich - das alles deutet auf eine klare Strategie für den Fokus auf die Nachwuchsentwicklung auf höchstem Niveau. Das ergibt Sinn - hoffen wir, dass der Plan auch aufgeht.

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