2019-04-25

The times they are a changing (II): Kader im Umbruch?

Wären die vergangenen Wochen nicht sportlich und abseits des Rasens so seltsam verlaufen, hätte ich sicher schon früher mal einen Blick auf die absehbaren und wünschenswerten Veränderungen im Kader zur neuen Saison werfen wollen.

Einfacher ist das nicht geworden, wo neben einem neuen Trainer offenbar auch im Management und den anderen sportlichen Bereichen des Vereins Veränderungen anstehen.

Immerhin haben wir nun die längst erwartete Gewissheit, dass Thorgan Hazard den nächsten Schritt bei Borussia nicht mitmachen will, zumindest nicht bei der richtigen Borussia. Es nervt mich zwar, dass wir nach Reus und Dahoud wohl einen weiteren Leistungsträger direkt an die Schwarz-Gelben abgeben werden. Andererseits habe ich bei Toto in den ersten Monaten des Jahres wenig gesehen, weswegen ich nun todtraurig über seinen Abgang sein müsste. Ohne dass er sich merklich hängengelassen hätte, ist er in den vergangenen Wochen mit der gesamten Team unter seinen Möglichkeiten geblieben und entgegen seinem sportlichen Stellenwert für die Mannschaft in kritischen Spielphasen genauso abgetaucht wie andere angebliche Führungsspieler. Dass er in seinen Leistungen über eine gesamte Saison traditionell schwankt, hat auch diese Rückrunde bisher gezeigt. Insofern ist sein Weggang natürlich eine Schwächung für den VfL. Aber vielleicht eben auch keine sofort unausfüllbare Lücke, wie sie Marco Reus oder Dante damals gerissen hatten.

Das Theater um seine angebliche Bereitschaft, den Vertrag notfalls auszusitzen, damit Dortmund nicht die angemessenen 40 Millionen Euro Ablöse zahlen muss, halte ich für das übliche Pokerspiel. Klar, er könnte nächstes Jahr dann selbst mehr (Hand-)Geld einstecken. Aber wenn es ihm ums Verdienen ginge, würde er sicher nicht zum BVB, sondern nach England zu den ganz großen Geldtöpfen gehen. Natürlich wäre es sein gutes Recht, seinen Vertrag zu erfüllen und dann ablösefrei zu gehen. Aber da er weiß, wie Borussia arbeitet und wirtschaften muss und dass dazu auch die Toptransfers wie seiner gehören, wäre dies ein großer Affront, den ich ihm eigentlich nicht zutraue. 
Glücklich würde er mit dieser Entscheidung aber ohnehin sicher nicht. Es wäre zwar töricht, ihn - wie manche fordern - dann ein Jahr nur auf die Tribüne zu setzen. Schließlich bezahlt man ihn teuer und kann auch sein Können dringend gebrauchen. Doch für den Fall, dass Thorgan dann mal nicht so gut spielen sollte, würden ihm die Fans das sicher übel auslegen. Es wäre schade, wenn die Zusammenarbeit mit Gladbach am Ende einen solchen dunklen Schatten bekäme. Schließlich haben bisher alle erheblich voneinander profitiert.Und der Eindruck, den man hinter seinem zurückhaltenden Wesen als Außenstehender von ihm bekommen konnte, war der eines ehrlichen und aufrichtigen Menschen und nicht der eines Abzocker.

Denkbar ist, dass ein neuer Trainer weitere Spieler aus dem aktuellen Kader aussortieren könnte, selbst bei noch laufenden Verträgen. Das deutet sich zumindest an, wenn die taktische Neuausrichtung wie zu erwarten auch eine noch stärker auf Pressing, Physis, direktes Spiel und Schnelligkeit ausgerichtet sein wird. Da könnte es für manche verdienten (und/oder verletzungsanfälligen) Spieler schwierig werden, noch die gewohnten Einsatzzeiten zu bekommen. Das ist allerdings bislang noch Kaffeesatzleserei, deshalb verzichte ich darauf, Spieler vorzeitig abzuschreiben. Schließlich hätte sich durch den Trainerwechsel im Prinzip sogar für Josip Drmic noch einmal eine Türe öffnen können. Doch das Kapitel scheint sich nun endgültig zu schließen, was ich persönlich immer noch bedaure, weil er ein feiner Charakter ist, dem absolut nichts vorzuwerfen ist.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Marco Rose bei den zentralen Säulen der Mannschaft (leistungstechnisch sowie vom Standing im Verein her) rasiert - Sommer, Ginter, Elvedi, Kramer, Strobl, Zakaria, Neuhaus, Stindl, Plea und auch Herrmann halte ich daher für sicher. Raffael wohl auch. Wie wichtig er noch sein kann, hat er in Hannover gerade wieder bewiesen. Doch ob er im lauf- und sprintintensiven System von Marco Rose eine nachhaltige Rolle spielen kann, darf bezweifelt werden. Der Vertrag mit Jonas Hofmann wurde gerade bis 2023 verlängert, das ist ebenfalls ein klares Zeichen.
Bei Oscar Wendt kommt es sehr stark darauf an, wie er von Rose eingeschätzt wird. Technisch und taktisch hat er das Rose-Spiel sicher drauf. Aber ob der sich da nicht einen offensiv effektiveren und vor allem schnelleren Außenspieler wünscht? Wahrscheinlich schon, genau wie auf der anderen Abwehrseite.

Allerdings glaube ich auch nicht, dass jetzt reihenweise gerade verlängerte Verträge ausgelöst werden - das wäre nach dem menschlich nicht ganz astreinen Spiel mit Dieter Hecking ein weiteres Signal, das nicht zum bisherigen Gladbach-Stil passen würde. Und es wäre auch teuer, denn der Trainerwechsel ist ja auch nicht umsonst zu haben. Wenn man sein Geld in Transfers stecken möchte, zahlt man nicht so gerne Abfindungen für die, die einem dann nicht mehr zur Verfügung stehen.

Ich hab mir seit der Verpflichtung von Marco Rose ein bisschen was über ihn und RB Salzburg angeschaut. Und ich denke, so weit auseinander liegen die Borussia von heute und der neue Trainer grundsätzlich gar nicht. Ballbesitz und Kombinationsspiel auf engem Raum, oft durchs Zentrum, das eint beide. Was dem VfL in der Rückrunde fehlt, ist das Tempo im Spiel nach vorn und der physische Ansatz mit dem brutalen Pressing. Darauf setzt Salzburg (wie Leipzig) bekanntlich enorm. 

Für das Tempo auf dem Platz hat der VfL vor der Saison unter anderem den jungen Engländer Keanan Bennetts verpflichtet, der aber in seinem ersten Jahr im Gladbacher Profiteam noch überhaupt keine Rolle gespielt hat und auch in der Regionalligamannschaft nicht besonders auffiel. Just in der Woche, in der der neue Trainer bekanntgegeben wird und klar ist, dass Hazard geht, schoss er dort sein erstes Tor. Zufall? Wir werden es sehen - hoffentlich kommt der schnelle Außenstürmer in der kommenden Saison näher ran an ein Bundesliga-Debüt.

Erstaunlich ist, wie viele Tore Salzburg auf ganz simple Art und Weise erzielt, durch einen langen hohen Ball aus der eigenen Hälfte, dem der gekonnte Abschluss des in die Tiefe startenden Mitspielers folgt. Auch das hat Marco Rose nicht erfunden, die Engländer spielten früher fast ausschließlich so und auch in der jüngeren Gladbacher Geschichte gab es immer wieder Akteure, die ihre Stürmer punktgenau durch solche Bälle einsetzen konnten, unter Favre, unter Schubert und vereinzelt auch unter Dieter Hecking. Nordtveit, Xhaka, Vestergaard, auch Stranzl hatten das drauf. 
Im derzeitigen Spielsystem ist der lange Ball auf die Stürmer eine viel zu selten genutzte Waffe, um den Gegner-Riegel aufzubrechen. Spieler dafür sind da: Ginter, Strobl, auch Elvedi haben schon oft gezeigt, dass sie präzise Pässe über 50 Meter spielen können. Und Spieler wie Hazard, Plea oder Herrmann sollten in der Lage sein, daraus etwas zu machen. Da uns mindestens einer von diesen verlässt, ist hier eine Baustelle für die nächste Saison - möglicherweise bringt Rose sogar einen aus seinem alten Verein mit. Wer sich Videos von RB Salzburg anschaut, sieht, wie ballsicher und abschlussstark der Japaner Minamino oder der Norweger Fredrik Gulbrandsen mit solchen Bällen umgehen können - auch auf europäischem Niveau. Gulbrandsen hat zudem einen im Sommer auslaufenden Vertrag. Der Mittelfeldmotor Xaver Schlager, den Rose aus der Jugend mit hochgezogen hat, ist sicher ein ganz interessanter Spieler. Weil er eher den Xhaka-Moment bietet als alle anderen zentralen Mittelfeldspieler, die Borussia im Moment im Kader haben. Allerdings sind dort ja schon sehr viele Spieler mit viel Potenzial (Stindl, Raffael, Hofmann, Neuhaus, Zakaria, Benes, Cuisance...) versammelt.

Hoch veranlagte Offensivspieler, die in der Gerüchteküche bereits als mögliche Neuzugänge auftauchten, sind Maximilian Philipp vom BVB und Luca Waldschmidt vom SC Freiburg. Beide würden in diesem Spiel nach vorne durchaus Sinn ergeben. Philipp ist ein abschlussstarkes Stürmer mit hervorragendem Schuss, Waldschmidt hat sich zu einem beweglichen, guten Kombinationsspieler mit Torriecher entwickelt, der sich in Gladbach nicht verstecken müsste. Auch die Hannoveraner Linton Maina (noch einer der Besten in der Partie gegen Gladbach) und der dieses Jahr lange verletzte Ihlas Bebou wären - vermutlich bezahlbare - Optionen. 
Bei letzterem dürfte Max Eberl wohl schon zugeschlagen haben, auch wenn er den perfekten Transfer, der von Sportbuzzer aus Hannover gemeldet wurde, heute noch weit von sich wies. Damit wäre Geschwindigkeit für den Flügel auf dem Weg, aber das wird nicht alles sein, will man Hazards Wert für die Mannschaft auch in der neuen Saison abbilden und "absichern".
Deutlich teurer und dank hochwertiger Konkurrenz nicht ganz so leicht zu verpflichtende Verstärkungen wären dafür natürlich die Düsseldorfer Dodi Lukebakio und/oder Benito Rahman (der dem VfL beim 1:3 bekanntlich sehr wehgetan hat).

Einer, der in seiner Spielweise Thorgan Hazard recht nah kommt, wäre François Kamano von Girondins Bordeaux. Der 22-Jährige spielt vorwiegend Linksaußen, ist aber wie Hazard  Rechtsfuß. Der Marktwert soll bei 14 Millionen Euro liegen, der Vertrag läuft noch bis 2021. Prinzipiell sollte das im Rahmen des Möglichen liegen. 
Und er hat seine Qualitäten bereits in einer höheren Liga bewiesen. 

Das gilt noch nicht für Alexis Claude-Maurice vom französischen Zweitligisten FC Lorient, der ebenfalls durch die Gerüchteküche geistert und angeblich sogar schon bei einem Spiel mit Max Eberl im Stadion gesehen worden ist. Der 21-Jährige ist wie Stindl und Hofmann ein sehr gut entgegenkommender Stürmer und offensiver Mittelfeldspieler, der sich gern fallenlässt und geschickt darin ist, sich in den Räumen zu bewegen. Er ist allerdings deutlich schneller als Stindl und Hofmann, bislang aber noch etwas verspielt. Das müsste er in der Bundesliga ganz schnell ablegen, soviel Zeit am Ball wie in der zweiten französischen Liga lässt man ihm hier nicht. Was ein weiterer Pluspunkt ist: Er hat einen zwar unspektakulären, aber sehr präzisen und guten Schuss von außerhalb des Strafraums.

Der kleine quirlige Luzerner Ruben Vargas (20) wäre jemand für die linke Angriffsseite. Die Frage wäre nur, ob er in seiner Entwicklung schon weiter ist als ein Bennetts.

Und weas passiert in der Abwehr? Kaan Ayhan von Düsseldorf wird gehandelt, seine Ausstiegsklausel von 2,5 Millionen Euro macht ihn zum Schnäppchen. Zu Ginter, Elvedi noch einen jungen Innenverteidiger dazuzunehmen, ergibt auf den ersten Blick Sinn. Doch wie wir gerade sehen, müssen sich auch Strobl und Tony Jantschke auf dieser Position keineswegs verstecken. Gesetz den Fall, Doucouré bliebe jetzt mal verletzungsfrei, wären das eigentlich genug Innenverteidiger, zumal Marco Rose für sein System schnelle Außenverteidiger auf der Einkaufsliste bevorzugen wird. Die haben wir mit Lang, Johnson und Wendt eher nicht, allein Andreas Poulsen könnte da künftig punkten.
 

Es werden also auf jeden Fall spannende Wochen, zu sehen, wie mit dem neuen Trainerteam nun auch eine neue Mannschaft entsteht - und wer von der jetzigen Mannschaft vielleicht ganz neue Qualitäten zeigen kann. So wie es Jonas Hofmann in dieser Saison gelang.

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